Der Denker der Nachahmung
René Girard gehört zu den Denkern, die einen einfachen Gedanken so weit verfolgen, bis er unbequem wird. Seine zentrale Einsicht lautet: Der Mensch begehrt nicht nur aus sich selbst heraus. Er begehrt oft, was andere begehren. Wir orientieren uns an Vorbildern, Rivalen, Nachbarn, Kollegen, Stars, Konkurrenten und Gruppen. Nicht das Ding allein macht das Begehren stark, sondern der Blick auf den anderen.
Damit verschiebt Girard die Frage nach dem Menschen. Er fragt nicht nur: Was will ein Mensch? Er fragt: Von wem hat er gelernt, es zu wollen? Diese Verschiebung ist für Psychologie, Kommunikation, Führung, Politik, Religion und moderne Medien von großer Bedeutung. Denn viele Konflikte entstehen nicht, weil Menschen zu wenig haben, sondern weil sie sich miteinander vergleichen.
Mimetisches Begehren
Girard nennt dieses Prinzip mimetisches Begehren. Mimesis bedeutet Nachahmung. Menschen lernen durch Nachahmung. Das ist zunächst nichts Schlechtes. Ohne Nachahmung gäbe es keine Sprache, keine Kultur, keine Bildung, keine Tradition, kein Lernen.
Aber Nachahmung hat eine dunkle Seite. Wenn zwei Menschen dasselbe begehren, weil einer den anderen zum Modell nimmt, kann aus Bewunderung Rivalität werden. Der andere ist dann nicht mehr nur Vorbild, sondern Hindernis. Was eben noch Orientierung war, wird Konkurrenz. Aus Nachahmung wird Neid, aus Neid wird Kampf, aus Kampf wird Eskalation.
Gerade deshalb ist Girard für Rhetorik und Kommunikation so wichtig. Viele Gespräche scheitern nicht am Sachthema. Sie scheitern an verletztem Status, verdeckter Konkurrenz, gekränkter Eitelkeit oder dem Wunsch, nicht nachzugeben, weil der andere sonst stärker erscheint. Wer nur auf die Argumente hört, übersieht manchmal den mimetischen Konflikt darunter.
Der Sündenbock
Girards zweite große Idee ist der Sündenbockmechanismus. Wenn Rivalität und Gewalt in einer Gemeinschaft zu stark werden, sucht die Gruppe nach Entlastung. Die innere Spannung wird auf eine einzelne Person oder eine Minderheit gelenkt. Einer wird schuldig gemacht, ausgeschlossen, geopfert oder vernichtet. Danach scheint die Gemeinschaft wieder Ordnung zu finden.
Das ist die grausame Logik des Sündenbocks: Die Gruppe erlebt das Opfer als Lösung, obwohl es nur die Gewalt umlenkt. Der Konflikt wird nicht verstanden, sondern abgeladen. Die Beteiligten fühlen sich erleichtert, weil sie glauben, den Schuldigen gefunden zu haben.
Diese Dynamik ist nicht nur archaisch. Sie lebt in modernen Formen weiter: in Mobbing, politischer Hetze, Verschwörungsdenken, Shitstorms, Feindbildern und kollektiver Selbstentlastung. Immer dort, wo eine Gruppe ihre eigene Verantwortung nicht sehen will, wächst die Versuchung, einen Sündenbock zu finden.
Religion, Opfer und Enthüllung
Girard deutete viele religiöse und kulturelle Erzählungen als Spuren dieses Opfermechanismus. Archaische Gesellschaften stabilisierten sich durch Rituale, Opfer und gemeinsame Mythen. Das Opfer erschien als notwendig, heilig oder gerecht.
Besonders wichtig ist bei Girard die Frage, was geschieht, wenn dieser Mechanismus sichtbar wird. Solange eine Gemeinschaft glaubt, das Opfer sei wirklich schuldig, funktioniert der Sündenbockmechanismus. Sobald aber erkennbar wird, dass das Opfer unschuldig oder willkürlich ausgewählt ist, verliert der Mechanismus seine alte Macht.
Hier liegt Girards besondere Deutung des Christentums: Es stellt sich auf die Seite des Opfers und entlarvt die Gewalt der Menge. Nicht die Gemeinschaft hat immer recht, nur weil sie einig ist. Auch eine geschlossene Menge kann irren, lügen, verfolgen und töten.
Girard und die Gegenwart
René Girard ist heute vielleicht aktueller als zu seinen Lebzeiten. Die moderne Plattformwelt lebt von Vergleich, Nachahmung und Aufmerksamkeit. Menschen zeigen, was sie haben, was sie können, wie sie aussehen, wen sie kennen, wohin sie reisen und wofür sie bewundert werden wollen. Andere sehen es, vergleichen sich, fühlen Mangel und versuchen nachzuziehen.
So entsteht ein endloser Kreislauf aus Status, Begehren und Rivalität. Was früher im Dorf, in der Schulklasse oder im Kollegenkreis geschah, wird heute global sichtbar, messbar und kommerziell verwertbar. Plattformen schaffen Begehren nicht allein, aber sie verstärken es, beschleunigen es und verdienen daran.
Girard hilft, diese Mechanismen zu erkennen. Er liefert keine einfache Erlösung. Aber er macht sichtbar, warum Menschen oft nicht frei begehren, sondern im Spiegel anderer leben. Wer das versteht, erkennt auch, wie leicht sich Gesellschaften steuern lassen, wenn man ihre Wünsche, Ängste und Rivalitäten kennt.
Warum René Girard ein Charakterkopf ist
René Girard ist für GSW ein Charakterkopf, weil seine Theorie mitten in unsere Themen führt: Psychologie, Kommunikation, Rhetorik, Religion, Politik, Medien und Führung. Er zeigt, dass Konflikte selten nur an der Oberfläche entstehen. Unter dem Streit um Argumente liegen oft Nachahmung, Status, Kränkung und Rivalität.
Für Gespräche bedeutet das: Wer führen, verhandeln oder klären will, muss mehr sehen als Worte. Er muss erkennen, welche Wünsche im Raum stehen, wer für wen Vorbild oder Gegner ist und wo ein Gespräch gerade dabei ist, einen Schuldigen zu produzieren.
Girard macht den Menschen nicht schöner, aber verständlicher. Er zeigt, wie sehr wir einander nachahmen, wie leicht wir Rivalen werden und wie gefährlich es ist, wenn eine Gemeinschaft ihre Gewalt an einem Opfer entlädt. Gerade deshalb gehört er zu den Denkern, die nicht bequem sind — aber notwendig.

