Mit offenen Augen durch die Welt
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“
— Alexander von Humboldt
Als Alexander von Humboldt im Juni 1802 die Flanken des Chimborazo in Ecuador hinaufstieg – der damals für den höchsten Berg der Erde gehalten wurde –, litten er und seine Begleiter unter Kälte und dünner Luft. Sie schleppten Barometer und Thermometer auf mehr als 5.800 Meter Höhe. Humboldt wollte die Welt nicht aus dem bequemen Studierzimmer heraus deuten; er wollte sie vermessen, erleben und verstehen.
Aus diesem unmittelbaren Blick erwuchs seine Weitsicht. Humboldt erkannte Zusammenhänge zwischen Klima, Landschaft und Vegetation und kritisierte zugleich Kolonialismus, Sklaverei und die rücksichtslose Ausbeutung der Natur. Er schaute hin – neugierig, genau und ohne die Wirklichkeit seinen Erwartungen unterzuordnen.
Wir Deutschen gelten seit Jahrzehnten als ausgesprochen reisefreudig. Jahr für Jahr zieht es Millionen in andere Länder und Kulturen. Wir kehren zurück mit Bildern großartiger Landschaften, neuen Geschmäckern und vielen Eindrücken. Wer jedoch mit offenen Augen reist, bringt mehr mit nach Hause als schöne Erinnerungen. Er sieht auch Armut und politische Willkür, ökologische Schäden und gesellschaftliche Spannungen. Weltoffenheit ist deshalb mehr als ein konsumierbares Privileg. Sie erweitert den Horizont – und aus Erkenntnis wächst Verantwortung.
Diese Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür. In einer Welt, in der politische Gewissheiten brüchiger werden, Machtansprüche wieder unverhohlener auftreten und selbst langjährige Bündnisse nicht mehr selbstverständlich erscheinen, ist Rückzug keine Antwort. Wer Zusammenhänge erkennt, kann nicht so tun, als gingen ihn ihre Folgen nichts an.
Gerade darin liegt der Gegenentwurf zu jener radikalen Zivilisationskritik, die nicht verändern, sondern entkommen will. Humboldt ging hinaus, um mehr von der Welt zu verstehen; der Zivilisationsflüchtling zieht sich zurück, um sich ihren Zumutungen zu entziehen. Das kann romantisch aussehen – Selbstversorgung, Abgeschiedenheit, ein vermeintlich unabhängiges Leben. Doch wo aus Distanz Verachtung und aus Unabhängigkeit Selbstüberhöhung wird, ist wenig gewonnen. Wer sich jeder Reibung entzieht, muss sich weder mit anderen Meinungen noch mit den eigenen Irrtümern auseinandersetzen. Aus dem Rückzugsort wird dann leicht eine kleine Welt, in der man selbst bestimmt, was wahr ist und wer recht hat.
Die Versuchung ist menschlich. Überforderung verführt zum Wegsehen: Briefe bleiben ungeöffnet, Nachrichten werden ausgeblendet, schwierige Gespräche vertagt, die eigene Wirklichkeit so lange zurechtgelegt, bis sie erträglicher erscheint. Doch Verdrängung löst kein Problem. Sie verschiebt nur den Augenblick, in dem wir uns ihm stellen müssen – und überlässt bis dahin anderen das Feld.
Die Alternative ist anspruchsvoller: hinschauen, verstehen und handeln. Nicht jede Krise lässt sich von uns lösen, nicht jede Entwicklung beeinflussen. Aber wir können unterscheiden, wo unser Einfluss beginnt, Verantwortung übernehmen und uns einmischen, statt uns in Ohnmacht einzurichten.
Wer unerschrocken hinsieht, erkennt die Schönheit unseres Planeten ebenso wie seine von Menschen verursachten Brüche. Und genau darin liegt die Zuversicht: Wer die Dinge beim Namen nennt und ihre Zusammenhänge begreift, entdeckt eher die Hebel, an denen Veränderung möglich ist.