Was ist für dich das Paradies?
Im Mittelalter war es vielleicht zunächst das Land, in dem Milch und Honig flossen. Die Lebensbedingungen waren hart. Nicht nur Pest und Cholera bedrohten das Leben der Menschen, sondern vor allem die unhygienischen Zustände, das hohe Risiko, an heute „einfachen“ Infektionskrankheiten zu sterben, eine schlechte Versorgung mit Lebensmitteln und für Frauen die Gefahr, Schwangerschaft und Geburt nicht zu überleben.
Fleisch kam bei armen Menschen praktisch gar nicht auf den Tisch, und selbst sogenannte Adelige, die auf Burgen lebten, ernährten sich überwiegend von Hafergrütze und Getreidebrei. Dazu kamen Kriege, Gewalt und eine medizinische Versorgung, die mit unseren heutigen Möglichkeiten kaum vergleichbar war.
In so einer Welt sind die Wünsche an das Paradies überschaubar.
Und heute?
Welche Speisen und Getränke wünschst du dir vom Paradies?
Hast du noch unerfüllte Wünsche an die Gesundheitsversorgung? Gibt es Krankheiten, vor denen du dich fürchtest?
Möchtest du gerne älter als 48 Jahre werden?
Aber was möchtest du mit all den Jahren anfangen, die du unbedingt noch erleben willst? Wir verbringen einen erstaunlichen Teil unseres Lebens damit, uns vor Gefahren zu schützen. Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, unsere finanzielle Sicherheit, unsere Zukunft und unser Alter. Und je älter wir werden, desto größer wird die Angst, das mühsam verlängerte Leben zu verlieren.
Aber was ist ein Leben wert, das hauptsächlich von der Angst bestimmt wird, es könnte enden?
Die meisten Menschen träumen davon, für den Rest ihres Lebens ausreichend Geld zur Verfügung zu haben und das Leben im ewigen Urlaub zu genießen. Luxus in jeder Form! Auf den ersten Blick ein verständlicher Wunsch: keine Zeitverschwendung mehr mit lästigen Tätigkeiten wie Arbeiten, Aufräumen oder Putzen.
Der Beamte und die drei Wünsche
Kennst du eigentlich den Witz von dem Beamten, der eines Nachmittags in seinem Büro sitzt und gedankenverloren aus dem Fenster schaut?
Plötzlich erscheint vor seinem Schreibtisch eine wunderschöne Fee.
„Du hast in diesem Jahr schon so viele Überstunden geleistet“, sagt sie, „dass du drei Wünsche frei hast. Und ich meine wirklich drei Wünsche: Was immer du dir wünschst, geht augenblicklich in Erfüllung.“
Der Beamte muss nicht lange überlegen.
„Dann möchte ich jetzt auf Tahiti sein. Unter Palmen, an einem weißen Sandstrand, das türkisfarbene Meer vor mir – so wie zu Zeiten Paul Gauguins.“
Ein Knall, eine kleine Rauchwolke – und schon liegt er in einem Liegestuhl am Strand von Tahiti. Über ihm wiegen sich die Palmen im Wind, vor ihm rauscht der Pazifik und neben ihm steht ein eisgekühlter Cocktail.
Die Fee erscheint wieder und lächelt.
„Und dein zweiter Wunsch?“
Er schaut sich zufrieden um.
„Eigentlich ist es wunderschön hier. Aber auf Dauer vielleicht ein bisschen einsam. Ich hätte gerne drei attraktive junge Frauen an meiner Seite: eine Blonde, eine Brünette und eine Rothaarige. Wegen der Abwechslung.“
Wieder ein Knall, wieder eine Rauchwolke – und schon sind die drei da.
Der Beamte lehnt sich zufrieden zurück.
Die Fee lächelt ihn noch einmal an.
„Nun kommt dein dritter und letzter Wunsch. Aber überlege gut: Sobald ich ihn erfüllt habe, verschwinde ich für immer.“
Jetzt kommt er tatsächlich ins Grübeln.
Er betrachtet das Meer. Die Palmen. Den Cocktail. Die drei Frauen. Eigentlich hat er alles, wovon ein Mensch träumen könnte.
Was sollte da noch fehlen?
Er denkt eine ganze Weile nach.
Dann hellt sich plötzlich sein Gesicht auf.
„Jetzt weiß ich es! Ich will nie wieder arbeiten müssen!“
Ein gewaltiger Knall. Eine riesige Rauchwolke.
Und er sitzt wieder an seinem Schreibtisch.
In einer Luxusvilla in perfekter Lage das Leben genießen und trotzdem neun Monate im Jahr zu den schönsten Plätzen der Welt reisen. Zwei oder drei Luxuswagen vor der Tür, vielleicht noch eine nette Motoryacht in der Ostsee, eine zweite im Mittelmeer und vielleicht sogar noch eine in der Karibik und in der Südsee, um auch dort die eigenen Immobilien zu genießen.
Was glaubst du, wie viele Menschen von einem solchen Leben träumen?
15, 300 oder vielleicht die halbe Weltbevölkerung?
Und nehmen wir einmal an, der Traum würde wahr.
Woher kommen dann die Ärzte, Krankenschwestern und all die anderen Menschen, deren Arbeit notwendig ist, damit du deinen Lebensstandard genießen kannst?
Vielleicht denkst du: Die Entwicklung von KI und Robotik geht so rasend schnell voran, dass das in wenigen Jahren überhaupt kein Problem mehr ist. Maschinen erledigen die Arbeit. Die anderen Menschen brauche ich gar nicht.
Gut. Dann hast du alles.
Du musst nicht arbeiten. Du musst dich um nichts kümmern. Niemand verlangt etwas von dir. Maschinen erfüllen jeden Wunsch, bevor er überhaupt richtig entstanden ist.
Aber – ist das das Paradies?
Wie viele Menschen benötigst du, um nicht nur ein reiches, sondern auch ein glückliches Leben führen zu können?
Einen Menschen? Einen liebevollen Partner?
Oder hättest du lieber eine Horde von Sklaven, die alle deine Bedürfnisse befriedigt? Auch die nach geistiger Anregung – Philosophie, Logik, Schach, Go oder Backgammon?
Und die körperlichen Bedürfnisse: jemanden für den Sport, möglichst als gleichwertigen Gegner und Partner, aber auch als Masseur oder Physiotherapeut? Jemanden als Gesprächspartner in der Sauna oder in der Eistonne?
Und wenn wir schon bei körperlichen Bedürfnissen sind: Wie viele Partner benötigst du eigentlich, um ein glückliches Liebesleben zu führen?
- Und wenn du das alles erlebt hast?
- Wenn jeder Wunsch erfüllt wird, jede Anstrengung vermieden und jedes Risiko beseitigt ist?
- Vielleicht wirst du dann feststellen, dass dir ausgerechnet das fehlt, was du vorher für lästig gehalten hast: eine Aufgabe.
Etwas, das nicht selbstverständlich gelingt.
- Etwas, an dem du scheitern kannst.
- Etwas, für das du dich anstrengen musst und bei dem du anschließend sagen kannst:
- Etwas, das dir das Gefühl gibt, das habe ich geschafft.
Genau darin liegt Selbstwirksamkeit.
Nicht darin, dass dir jemand jeden Stein aus dem Weg räumt, sondern in der Erfahrung, dass du selbst in der Lage bist, Hindernisse zu überwinden.
Und vielleicht ist das Abenteuer deshalb kein bedauerlicher Mangel an Sicherheit, sondern ein notwendiger Bestandteil eines erfüllten Lebens.
Ein Abenteuer kann scheitern. Es kann anstrengend sein. Es kann Angst machen. Gerade deshalb kann es uns die Erfahrung schenken, etwas aus eigener Kraft bewältigt zu haben.
Und aus Selbstwirksamkeit kann Selbstverwirklichung entstehen.
Nicht einfach nur länger leben.
Das eigene Leben leben.
Etwas lernen. Etwas wagen. Etwas erschaffen. Verantwortung übernehmen. An einer Aufgabe wachsen. Für andere Menschen wichtig sein. Niederlagen erleben und trotzdem weitermachen.
Dazu gehört auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen, die dir wichtig sind.
Anerkennung, Ermutigung und positives Feedback – gerade von diesen Menschen.
Denn kannst du wirklich glücklich werden, wenn lediglich deine physiologischen Grundbedürfnisse befriedigt sind? Ganz gleich, in welcher Vielfalt Essen, Trinken, Sex, Luxus und Unterhaltung zur Verfügung stehen?
Was keine Anstrengung benötigt, wird schnell fade und langweilig.
Der Genuss lebt auch vom Gegensatz.
Hunger macht Essen zum Genuss. Anstrengung macht Erholung angenehm. Unsicherheit macht Erfolg bedeutsam. Die Möglichkeit des Scheiterns gibt dem Gelingen seinen Wert.
Vielleicht besteht die Kunst des Lebens deshalb gar nicht darin, möglichst jedes Risiko zu vermeiden.
Vielleicht besteht sie darin, Risiken einzugehen, die es wert sind.
Ich wünsche dir sehr, dass du den Zusammenhang zwischen eigener Anstrengung und dem Empfinden von Lust, Vergnügen und Freude verstehst, bevor du mit aggressiven oder ablehnenden Reaktionen auf Kontaktversuche und Gesprächsangebote all die Menschen verprellt hast, denen etwas an dir liegt.
Jean-Paul Sartre lässt in seinem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft den berühmten Satz fallen:
„Die Hölle, das sind die anderen.“
Vielleicht.
Aber ohne die anderen gibt es auch keine Freundschaft, keine Liebe, keine Anerkennung, keine Gemeinschaft und kaum eine Gelegenheit zu erfahren, dass das eigene Handeln für einen anderen Menschen Bedeutung hat.
Deshalb würde ich Sartres Satz einen anderen entgegensetzen:
Mit der richtigen Grundhaltung besteht das Paradies aus vielen positiven Beziehungen – und aus einem Leben, das man nicht nur möglichst lange bewahrt, sondern tatsächlich lebt.