
Der 6. Juni – Schwedens Weg in die Eigenständigkeit
Vom Stockholmer Blutbad über Gustav Vasa zur Verfassung von 1809
Der schwedische Nationalfeiertag am 6. Juni lenkt den Blick jedoch hinter diese Postkartenidylle. Er erinnert an zwei historische Wendepunkte, die fast drei Jahrhunderte auseinanderliegen und dennoch miteinander verbunden sind: die Wahl Gustav Vasas zum König im Jahr 1523 und die Annahme einer neuen schwedischen Verfassungsordnung im Jahr 1809.
Der erste Jahrestag steht für die staatliche Eigenständigkeit Schwedens, der zweite für die Begrenzung königlicher Macht und den Beginn einer moderneren staatlichen Ordnung.
Schweden in der Kalmarer Union
Seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert waren die Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden in der Kalmarer Union unter einem gemeinsamen Monarchen verbunden. Auf dem Papier sollte diese Union den skandinavischen Reichen Sicherheit und gemeinsame Stärke verleihen. In der Praxis wurde sie jedoch zunehmend von der dänischen Krone beherrscht.
Vor allem Teile des schwedischen Adels widersetzten sich immer wieder dem dänischen Einfluss. Die Union blieb deshalb über Jahrzehnte von Machtkämpfen, Aufständen und wechselnden Bündnissen geprägt.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts versuchte der dänische König Christian II., seine Herrschaft über Schweden endgültig durchzusetzen. Nachdem seine Truppen den schwedischen Widerstand besiegt hatten, wurde Christian im November 1520 in Stockholm zum König von Schweden gekrönt. Zuvor hatte er seinen Gegnern Amnestie und eine milde Behandlung zugesagt.
Nur wenige Tage später brach er dieses Versprechen.
Das Stockholmer Blutbad
Am 8. und 9. November 1520 ließ Christian II. zahlreiche schwedische Adlige, Geistliche und Bürger hinrichten. Mehr als 80 Menschen fielen dem später so genannten „Stockholmer Blutbad“ zum Opfer.
Unter den Hingerichteten befanden sich auch Erik Johansson Vasa, der Vater des jungen Gustav Eriksson Vasa, sowie zwei seiner Onkel. Das Massaker sollte die Gegner der dänischen Vorherrschaft ausschalten. Tatsächlich bewirkte es das Gegenteil: Es verstärkte den Widerstand und machte Christian II. in Schweden endgültig zum verhassten Fremdherrscher. [1]
Gustav Vasa selbst entging dem Blutbad. Er hatte bereits zuvor in dänischer Gefangenschaft gelebt, war geflohen und nach Schweden zurückgekehrt. Nach den Hinrichtungen zog er in die Landschaft Dalarna, wo es ihm gelang, Bauern und andere Gegner Christians für einen Aufstand zu gewinnen.
Aus einer zunächst regionalen Erhebung entwickelte sich der schwedische Befreiungskrieg.
Ein junger Rebellenführer wird König
Gustav Vasa war weder ein romantischer Freiheitsheld noch ein Demokrat im heutigen Sinne. Er war ein ehrgeiziger Adeliger, ein geschickter Machtpolitiker und ein entschlossener Organisator. Doch er verstand es, die Empörung über das Stockholmer Blutbad und den Widerstand gegen die dänische Herrschaft zu bündeln.
Unterstützt wurde sein Kampf von schwedischen Bauern und Adligen, später aber auch von der Hansestadt Lübeck. Lübeck betrachtete die Politik Christians II. als Bedrohung seiner Handelsinteressen und stellte Gustav unter anderem Schiffe, Waffen und finanzielle Mittel zur Verfügung.
Bereits 1521 wurde Gustav zum schwedischen Reichsverweser gewählt. In den folgenden beiden Jahren verdrängten seine Truppen die Anhänger Christians aus weiten Teilen des Landes.
Am 6. Juni 1523 trat in Strängnäs eine Versammlung der schwedischen Reichsstände zusammen. In ihr waren die maßgeblichen gesellschaftlichen Gruppen des damaligen Reiches vertreten: Adel, Geistlichkeit, Bürger und Bauern.
Diese Versammlung wählte Gustav Eriksson Vasa zum König von Schweden.
Die Wahl markierte den endgültigen politischen Bruch mit der von Dänemark dominierten Kalmarer Union. Schweden trat wieder als eigenständiges Königreich hervor. Deshalb gilt der 6. Juni 1523 als einer der wichtigsten Ausgangspunkte des modernen schwedischen Staates. [2]
Gustav war damit zwar König, aber noch nicht gekrönt. Die feierliche Krönung fand erst am 12. Januar 1528 im Dom zu Uppsala statt.
Der Gründer des modernen schwedischen Staates?
Gustav Vasa wird häufig als „Vater des modernen Schweden“ bezeichnet. Diese Würdigung ist nicht unbegründet, verlangt aber eine gewisse historische Vorsicht.
Während seiner langen Regierungszeit von 1523 bis 1560 stärkte er die Zentralgewalt, baute eine leistungsfähigere Verwaltung auf und verringerte die Macht konkurrierender Adelsfamilien. Schweden wurde unter ihm zu einem stärker zusammenhängenden und zentral regierten Staat.
Gleichzeitig musste Gustav die erheblichen Schulden begleichen, die er während des Befreiungskrieges bei Lübeck aufgenommen hatte. Dafür erhob er hohe Steuern und griff auf das Vermögen der Kirche zurück. Sein Vorgehen führte zu Unzufriedenheit und mehreren Aufständen.
Unter seiner Herrschaft begann außerdem die schwedische Reformation. Der Einfluss der römisch-katholischen Kirche wurde zurückgedrängt, Kirchengüter gingen an die Krone über, und Schweden entwickelte sich allmählich zu einem lutherisch geprägten Staat.
1544 ließ Gustav die zuvor grundsätzlich wählbare Königswürde in eine Erbmonarchie umwandeln. Damit sicherte er die Herrschaft seiner Familie, der Dynastie Wasa.
Der König, dessen Wahl heute als Beginn der schwedischen Unabhängigkeit gefeiert wird, war also zugleich ein entschlossener Zentralist. Er befreite Schweden von der dänischen Vorherrschaft, errichtete jedoch keinen freiheitlichen Staat im modernen Sinne. Seine historische Bedeutung liegt vor allem darin, dass er die Grundlagen eines eigenständigen und handlungsfähigen schwedischen Königreiches schuf. [3]
Ein zweites historisches Datum: der 6. Juni 1809
Dass gerade der 6. Juni zum schwedischen Nationalfeiertag wurde, beruht nicht allein auf der Königswahl von 1523.
Auf den Tag genau 286 Jahre später, am 6. Juni 1809, verabschiedeten die vier Stände des schwedischen Reichstags eine neue Regierungsform.
Schweden befand sich damals in einer schweren politischen und militärischen Krise. König Gustav IV. Adolf war im März 1809 durch einen Staatsstreich entmachtet und anschließend abgesetzt worden. Seine zunehmend selbstherrliche Regierung sowie die verheerenden Folgen des Krieges gegen Russland hatten das Vertrauen in die bisherige Staatsordnung erschüttert.
Innerhalb kurzer Zeit erarbeitete ein Verfassungsausschuss eine neue Regierungsform. Sie sollte verhindern, dass der König erneut nahezu unkontrolliert herrschen konnte.
Die Regierungsform von 1809 teilte die staatliche Macht deutlicher zwischen dem König und dem Reichstag auf. Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung wurden stärker voneinander unterschieden. Der Reichstag erhielt mehr Einfluss, insbesondere bei Gesetzgebung und Besteuerung. Zugleich wurde ein Verfassungsausschuss geschaffen, der die Tätigkeit der Regierung kontrollieren sollte.
1809 entstand damit noch keine parlamentarische Demokratie nach heutigem Verständnis. Große Teile der Bevölkerung besaßen weiterhin kein politisches Mitspracherecht. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht wurde erst viel später verwirklicht.
Dennoch war die Regierungsform ein bedeutender Schritt: Königliche Macht wurde rechtlich begrenzt, staatliche Zuständigkeiten wurden geordnet und politische Kontrolle wurde institutionalisiert. Die Verfassung von 1809 blieb – trotz vieler Veränderungen – bis in die 1970er-Jahre in Kraft. [4]
So verbindet der 6. Juni zwei sehr unterschiedliche Kapitel der schwedischen Geschichte:
1523 steht für staatliche Unabhängigkeit.
1809 steht für die Begrenzung staatlicher Macht durch Recht und Verfassung.
Vom Gedenktag zum offiziellen Nationalfeiertag
Trotz seiner historischen Bedeutung war der 6. Juni lange Zeit kein gesetzlicher Nationalfeiertag.
Bereits 1893 veranstaltete Artur Hazelius, der Gründer des Freilichtmuseums Skansen in Stockholm, dort eine Feier zur Erinnerung an Gustav Vasas Königswahl. Hazelius wollte schwedische Geschichte, Kultur und Traditionen einem breiten Publikum näherbringen.
Ab 1916 wurde der 6. Juni offiziell als Tag der schwedischen Flagge begangen. Blau-gelbe Fahnen, Musikveranstaltungen und Feiern in Städten und Gemeinden prägten zunehmend das öffentliche Bild dieses Tages.
Erst 1983 erhielt der Tag offiziell die Bezeichnung Schwedischer Nationalfeiertag – Sveriges nationaldag.
Seit 2005 ist der 6. Juni in Schweden auch ein gesetzlicher arbeitsfreier Feiertag. Er ersetzte dabei den Pfingstmontag als allgemeinen Feiertag. [5]
Damit ist der schwedische Nationalfeiertag im Vergleich zu vielen anderen europäischen Nationalfeiertagen eine verhältnismäßig junge staatliche Institution, obwohl seine historischen Bezugspunkte mehrere Jahrhunderte zurückreichen.
Wie Schweden heute feiert
Der schwedische Nationalfeiertag ist gewöhnlich weniger von militärischen Paraden oder pathetischer Inszenierung geprägt als die Nationalfeiertage mancher anderer Staaten.
In vielen Orten finden Freiluftkonzerte, Musikveranstaltungen, Umzüge, Picknicks und Familienfeste statt. Die blau-gelbe Flagge ist an öffentlichen Gebäuden, privaten Häusern und in Gärten zu sehen.
Ein besonderer Ort der Feierlichkeiten ist traditionell das Freilichtmuseum Skansen in Stockholm. Dort nimmt häufig auch die königliche Familie an der zentralen Veranstaltung teil.
In vielen Gemeinden werden am Nationalfeiertag zudem Menschen begrüßt, die im zurückliegenden Jahr die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten haben. Diese Einbürgerungsfeiern geben dem Tag eine zeitgenössische Bedeutung: Schwedische Zugehörigkeit wird nicht nur als historisches Erbe verstanden, sondern auch als Gemeinschaft, der neue Bürgerinnen und Bürger beitreten können. [6]
Die Feiern fallen in eine Jahreszeit, in der die Tage in Schweden besonders lang sind. Das öffentliche Leben verlagert sich ins Freie; Familien und Freunde treffen sich in Parks, an Seen oder in den Schärengärten. Erdbeeren, Gebäck, Kaffee und gemeinsames Essen gehören häufig ebenso zum Tag wie Musik und Fahnen.
Anders als das Mittsommerfest besitzt der Nationalfeiertag jedoch keine über Jahrhunderte gewachsene einheitliche Volksfesttradition. Viele Schweden gestalten ihn deshalb ganz individuell – als Familienausflug, als öffentlichen Festtag oder schlicht als freien Frühsommertag.
Mehr als eine Königswahl
Nationalfeiertage erzählen niemals die vollständige Geschichte eines Landes. Sie verdichten Geschichte zu Symbolen und ausgewählten Ereignissen.
Auch Gustav Vasas Wahl lässt sich unterschiedlich betrachten. Sie bedeutete das Ende der dänischen Vorherrschaft und den Beginn eines eigenständigen schwedischen Staates. Sie leitete aber zugleich die Herrschaft eines Königs ein, der seine Macht entschlossen ausbaute, hohe Abgaben verlangte und religiöse wie politische Gegner hart bekämpfte.
Die Verfassungsordnung von 1809 war ebenfalls keine vollendete Demokratie. Sie bereitete jedoch einen Staat vor, in dem Macht stärker durch Gesetze begrenzt und kontrolliert werden sollte.
Gerade in dieser Verbindung liegt die tiefere Bedeutung des 6. Juni:
Ein Staat braucht Eigenständigkeit, um seine Zukunft gestalten zu können. Doch Eigenständigkeit allein genügt nicht. Macht muss auch begrenzt, geordnet und verantwortlich ausgeübt werden.
Der schwedische Nationalfeiertag erinnert deshalb nicht nur an die Entstehung eines Königreiches. Er erzählt vom langen Weg eines Landes – von Aufstand, Unabhängigkeit und königlicher Zentralgewalt hin zu Verfassung, parlamentarischer Ordnung und demokratischer Gemeinschaft.
Die Geschichte hinter den drei Kronen
Wenn am 6. Juni die blau-gelben Fahnen über Stockholm, Göteborg, Malmö, Strängnäs und den vielen kleinen Gemeinden des Landes wehen, erinnern sie an mehr als ein einzelnes historisches Ereignis.
Sie stehen für ein Land, das seine politische Eigenständigkeit erkämpfte, seine staatliche Ordnung mehrfach erneuerte und sein Verständnis von Zugehörigkeit immer wieder weiterentwickelte.
Die farbigen Häuser am Stortorget, das Rathaus mit den drei Kronen und das Königliche Schloss gehören zum sichtbaren Bild Schwedens. Hinter ihnen liegt jedoch eine Geschichte, die von Blutvergießen und Rebellion ebenso handelt wie von Recht, Verfassung und schrittweiser Demokratisierung.
Der 6. Juni lädt dazu ein, beide Seiten wahrzunehmen: die Schönheit des Landes und die Mühen seiner Geschichte.
Denn ein Nationalfeiertag gewinnt seine Bedeutung nicht dadurch, dass er die Vergangenheit verklärt. Er wird wertvoll, wenn er daran erinnert, wie Freiheit entstand – und welche Verantwortung daraus für die Gegenwart erwächst.
Quellenhinweise zur historischen Prüfung
[1] Stockholmer Blutbad: Die Massenhinrichtungen fanden am 8. und 9. November 1520 statt. Zu den Opfern gehörten Gustav Vasas Vater und zwei seiner Onkel. Das Ereignis verstärkte den schwedischen Widerstand gegen Christian II.
[2] Königswahl und Unabhängigkeit: Gustav Eriksson Vasa wurde am 6. Juni 1523 in Strängnäs zum König gewählt. Seine Wahl gilt als Ende der Kalmarer Union und als Beginn einer neuen Phase schwedischer Eigenstaatlichkeit. Die Krönung erfolgte am 12. Januar 1528 in Uppsala.
[3] Gustav Vasas Herrschaft: Er stärkte die Zentralverwaltung, griff auf Kirchengüter zurück, leitete die Reformation ein und baute die königliche Macht erheblich aus.
[4] Regierungsform von 1809: Sie wurde am 6. Juni 1809 von den vier Ständen angenommen, übertrug mehr Macht an den Reichstag und schuf eine deutlichere Gewaltenteilung. Die heutige Regierungsform ersetzte sie in den 1970er-Jahren.
[5] Entwicklung des Feiertags: Feiern in Skansen begannen 1893. Der 6. Juni wurde 1916 zum Flaggentag, 1983 offiziell zum Nationalfeiertag und 2005 zum gesetzlichen Feiertag.
[6] Heutige Feiern: Zum Nationalfeiertag gehören landesweit Konzerte, öffentliche Veranstaltungen, königliche Zeremonien und kommunale Feiern für neue schwedische Staatsbürger.



