Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren. Er schrieb über Menschen, die nicht begreifen, warum sie angeklagt, beurteilt, zurückgewiesen oder ausgeschlossen werden. Seine Welt ist nicht laut. Sie schlägt nicht mit der Faust auf den Tisch. Sie öffnet eine Tür, hinter der wieder eine Tür liegt. Sie legt Akten an. Sie stellt Fragen, ohne zuzuhören. Sie lässt Menschen warten, bis sie sich selbst für schuldig halten.
Gerade deshalb ist Kafka so modern geblieben.
Denn die gefährlichste Form der Angst ist nicht immer die Angst vor offener Gewalt. Es ist die Angst der Hilflosigkeit: das Gefühl, einer Macht gegenüberzustehen, die größer ist als man selbst, aber kleiner tut, als sei sie nur ein Formular, eine Vorschrift, ein Verfahren, eine Zuständigkeit.
In „Die Verwandlung“ wird Gregor Samsa nicht einfach zu einem Käfer. Er wird zu einem Wesen, das nicht mehr gehört, nicht mehr verstanden und schließlich nicht mehr als Mensch behandelt wird. Genau darin liegt die Allegorie: Wer machtlos wird, verliert nicht nur Rechte. Er verliert Stimme, Würde und Gestalt.
Demokratie lebt davon, dass Menschen dem Staat nicht ausgeliefert sind. Sie lebt davon, dass Macht begründet werden muss, dass Verfahren überprüfbar bleiben und dass Bürger nicht vor verschlossenen Türen stehen wie Josef K. vor einem undurchschaubaren Gericht.
Machtlosigkeit und die Angst, Opfer des Staates zu werden, gehören deshalb zu den größten Demokratiefeinden. Nicht, weil jeder Staat böse wäre. Sondern weil jeder Staat gefährlich wird, wenn seine Bürger sich vor ihm klein machen müssen.
Kafka zwingt uns nicht durch Parolen zum Nachdenken. Er verwandelt unsere Angst in Bilder. Und wer diese Bilder verstehen will, muss lesen. Vielleicht zuerst „Die Verwandlung“. Danach sieht man Türen, Akten und Behördenflure anders.