Eine Wiederholung des Hundertjährigen Krieges?
Für einen Abend verlegte sich der alte englisch-französische Streit um die Vorherrschaft wieder auf ein Schlachtfeld – diesmal allerdings auf grünen Rasen und erfreulicherweise mit einem Ball statt mit Langbogen und Schwert. Was England in der ersten Halbzeit veranstaltete, erinnerte beinahe an die großen englischen Triumphe des Hundertjährigen Krieges: Crécy und Azincourt im Zeitraffer. Frankreichs Reihen schienen auseinanderzufallen, während die Engländer Angriff um Angriff vortrugen und mit einem 4:0 in die Pause gingen. Der gallische Hahn dürfte sich zu diesem Zeitpunkt ungefähr so gefühlt haben wie der französische Adel nach Azincourt 1415: zahlenmäßig durchaus vorhanden, aber von der Geschwindigkeit der Ereignisse vollkommen überfordert.
Frankreichs Comeback-Qualität ist legendär
Doch wer die Geschichte des Hundertjährigen Krieges kennt, weiß auch, dass England zwar berühmte Schlachten gewann, am Ende aber Frankreich den längeren Atem hatte. Und so begann nach der Pause beinahe eine kleine fußballerische Wiederholung von Orléans: Frankreich erhob sich aus einer Lage, die aussichtslos schien. Mbappé und seine Mitstreiter machten aus dem 0:4 ein 3:4 – und plötzlich begann der englische Löwe nervös über die Schulter zu schauen.
Anders als im 15. Jahrhundert gelang den Franzosen diesmal jedoch die endgültige Wende nicht. Saka und schließlich Bellingham sorgten dafür, dass England diese moderne Schlacht tatsächlich mit 6:4 gewann – ohne Verlängerung und ohne Elfmeterschießen, aber mit genügend dramatischen Wendungen für einen ganzen Feldzug.
England wird Dritter, Frankreich Vierter – und morgen dreht sich die Welt trotzdem weiter
Die Plebs braucht Brot und Spiele – wie im alten Rom!