Flamenco schlägt Tango – Spanien ist Weltmeister
Vor dem Finale hatten wir Spanien und Argentinien als zwei Tanzpaare auf den Rasen geschickt: hier der temperamentvolle Flamenco, dort der zwischen Leidenschaft und Melancholie schwebende Tango. Nach 120 Minuten erwies sich dieses Bild als erstaunlich passend. Argentinien verteidigte mit Hingabe, Ausdauer und jener beinahe tragischen Beharrlichkeit, die zum Tango gehört. Spanien dagegen bestimmte Rhythmus, Raum und Richtung des Spiels – und setzte schließlich den entscheidenden Schritt.
Das Ergebnis von 1:0 klingt knapper, als das Spiel tatsächlich war. Spanien kam auf 20 Abschlüsse, Argentinien nur auf zwei; 12:0 lautete das Verhältnis der Schüsse auf das Tor. Erst spät in der Verlängerung gelangen den Argentiniern überhaupt eigene Abschlussversuche. Dass die Partie dennoch bis zur 106. Minute torlos blieb, verdankten sie vor allem ihrem Torhüter Emiliano Martínez und einer Abwehr, die sich mit allem gegen die spanische Überlegenheit stemmte.
Dann traf Ferran Torres. Es war kein zufälliger Ausbruch aus einem ausgeglichenen Spiel, sondern der längst fällige Schlussakkord einer Mannschaft, die geduldig weiterspielte, ihre Ordnung nie verlor und auch nach zahlreichen vergebenen Möglichkeiten an ihrem gemeinsamen Rhythmus festhielt. Spanien gewann nicht durch die eine überragende Einzelnummer, sondern durch ein nahezu vollkommenes Zusammenspiel.
In dieser Form hätte die spanische Mannschaft vermutlich auch bei einer Formationstanz-Weltmeisterschaft beste Aussichten gehabt – sowohl in den Standardtänzen als auch in der lateinamerikanischen Disziplin. Jeder kannte seinen Platz, jeder reagierte auf die Bewegung des anderen, und dennoch blieb Raum für Improvisation. Argentinien tanzte einen langen, wehmütigen Tango. Spanien aber setzte am Ende den Absatz auf den Boden.
Nach dem Europameistertitel von 2024 ist Spanien nun auch Weltmeister. Es ist der zweite WM-Titel nach 2010 – und nach den Leistungen dieses Turniers ein verdienter. Der Tango verstummte, der Flamenco durfte feiern