Freiheit beginnt mit der Möglichkeit zum Nein
Am 11. September erhält dieser Satz eine besondere Schwere. Die Terroranschläge von 2001 waren das Ergebnis einer Ideologie, die ihren Anhängern scheinbar eine Entscheidung ließ und ihnen zugleich die entscheidende Freiheit nahm: die Freiheit, die Voraussetzungen dieser Entscheidung selbst infrage zu stellen.
Die Attentäter konnten zwischen Zielen, Wegen und Mitteln wählen. Aber wirkliche Freiheit hätte dort begonnen, wo einer von ihnen gefragt hätte: Warum überhaupt? Wem dient mein Tod? Was wird durch den Tod tausender anderer Menschen besser? Freiheit wäre die Möglichkeit gewesen, den ideologischen Zwang zu durchbrechen und sich dem vermeintlich unausweichlichen Auftrag zu verweigern.
Genau darin liegt eine ungeheure Aktualität Adornos. Freiheit erschöpft sich nicht darin, zwischen angebotenen Möglichkeiten auswählen zu dürfen. Ein Mensch kann zwischen verschiedenen Optionen wählen und dennoch unfrei sein, wenn andere zuvor festgelegt haben, was er glauben, fürchten, lieben oder hassen soll. Die tiefere Freiheit beginnt mit der Fähigkeit, das ganze vorgegebene Koordinatensystem zurückzuweisen.
Das gilt weit über den islamistischen Terrorismus hinaus. Nationalismus, religiöser Fanatismus und politischer Extremismus leben davon, komplexe Wirklichkeit auf einfache Gegensätze zu reduzieren: Gläubige und Ungläubige, Freunde und Feinde, Patrioten und Verräter, Opfer und Schuldige. Wer Menschen davon überzeugt, dass ihre Zugehörigkeit wichtiger sei als das Leben des anderen, hat bereits einen Teil ihrer Freiheit besetzt.
Verantwortung macht aus Gehorsam menschliches Handeln
Keine Gesellschaft und kein Unternehmen kann funktionieren, wenn jeder Mensch jede Entscheidung jederzeit selbst treffen muss. Arbeitsteilung, Zuständigkeiten und Hierarchien sind zunächst weder gut noch böse. Gerade deshalb wächst mit der Macht auch die Verantwortung derjenigen, die Ziele setzen und Entscheidungen treffen. Die charakterliche, moralische und ethische Qualität von Führung ist keine Nebensache – sie entscheidet darüber, wofür die Fähigkeiten vieler Menschen eingesetzt werden.
Doch Verantwortung lässt sich nicht vollständig nach oben delegieren. Die Erfahrung totalitärer Systeme hat uns gelehrt, wie gefährlich der Satz „Ich habe nur Befehle ausgeführt“ werden kann. Ein Befehl entbindet den Menschen nicht automatisch von seinem Gewissen. Gerade dort, wo Gehorsam die Würde oder das Leben anderer Menschen bedroht, beginnt persönliche Verantwortung.
Das macht Adornos Freiheitsbegriff so anspruchsvoll: Die Möglichkeit zum Nein gehört zur Freiheit. Nicht jede Verweigerung ist mutig und nicht jeder Gehorsam verwerflich. Aber eine Gesellschaft, eine Organisation und letztlich auch ein Staat brauchen Menschen, die urteilsfähig bleiben – selbst dann, wenn eine Autorität ihnen das Urteilen abnehmen möchte.
Darauf mit einer spiegelbildlichen Logik der Gewalt zu antworten, löst das Problem nicht. Terrorismus muss bekämpft und seine Opfer müssen geschützt werden. Aber militärische Überlegenheit allein kann eine Idee nicht widerlegen. Wo Fanatismus Sinn, Zugehörigkeit und Erlösung verspricht, braucht es einen überzeugenderen Gegenentwurf: ein Leben, das im Diesseits lebenswert erscheint. Freiheit, Bildung, Würde, Freundschaft, Verantwortung und die Erfahrung, dass der Fremde nicht zwangsläufig der Feind ist.
Der stärkere Gegenentwurf heißt Nächstenliebe und Brüderlichkeit
Dabei wäre es ebenso falsch, den Islam auf die Ideologie islamistischer Gewalttäter zu reduzieren. Religiöse Überlieferungen sind vielstimmig. Aus einzelnen Fragmenten lassen sich Feindbilder und Gewaltlegitimationen konstruieren; aus denselben großen Traditionen erwachsen aber auch Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, Nächstenliebe, Versöhnung und Verantwortung für den Mitmenschen. Wer Extremisten die Deutungshoheit über eine Religion überlässt, macht sie größer, als sie sein dürfen.
Auch Adorno selbst schützt nicht vor ideologischer Vereinnahmung. Teile der Studentenbewegung von 1968 beriefen sich auf seine Gesellschaftskritik. Adorno stand jedoch der zunehmenden Gewaltbereitschaft entschieden ablehnend gegenüber. Seine Kritik an bestehenden Verhältnissen war kein Freibrief dafür, Menschen einem vermeintlich höheren politischen Ziel zu opfern. Gerade hier kehrt sein Freiheitsgedanke gegen seine radikalsten Leser zurück: Auch die Revolution kann zum Zwang werden, den man nicht mitmachen muss.
Vielleicht ist dies die Verbindung zu unserem Zeitzeichen des Monats September: Die gefährlichste Beschädigung des Freiheitsgedankens beginnt nicht erst dort, wo Menschen eingesperrt werden. Sie beginnt dort, wo ihnen eingeredet wird, es gebe nur noch eine denkbare Wahrheit, einen Feind, einen Weg und ein erlaubtes Ziel.
Die berühmte Trias der Französischen Revolution endet deshalb nicht zufällig mit der Brüderlichkeit. Freiheit ohne die Freiheit des anderen kann zum Egoismus werden. Gleichheit ohne Freiheit kann in Zwang umschlagen. Erst Brüderlichkeit erinnert daran, dass der andere Mensch trotz aller Unterschiede zu derselben menschlichen Gemeinschaft gehört.
Das gilt auch gegenüber politischen Führern. Ob in Russland, den Vereinigten Staaten oder anderswo: Solidarität und Freiheit dürfen nicht davon abhängen, welchen Wert ein einzelner Machthaber ihnen gerade beimisst. Eine freie Gesellschaft braucht Institutionen, aber ebenso Menschen, deren Gewissen stärker bleibt als ihre Gefolgschaft.
Angst und Hass besitzen eine erschreckende Mobilisierungskraft. Vertrauen, Empathie und Solidarität sind leiser. Vielleicht erscheinen sie deshalb politisch manchmal schwächer. Langfristig aber kann eine freie Gesellschaft nur bestehen, wenn sie Menschen mehr anzubieten hat als die Wahl zwischen verschiedenen Feinden.
Der Kampf um Freiheit wird deshalb niemals endgültig gewonnen. Jede Generation muss neu lernen, dass Freiheit nicht nur bedeutet, wählen zu dürfen. Sie bedeutet auch, Nein sagen zu können, wenn andere uns vorschreiben wollen, wen wir zu fürchten, zu hassen oder zu bekämpfen haben