Zeitzeichen des Monats September ’26
Zerstören oder gestalten?
Ein Turm fällt, Bauklötze fliegen – und ein Kind freut sich. Es erlebt Selbstwirksamkeit: Ich kann etwas bewirken. Mein Handeln verändert die Welt.
Auch Erwachsene wollen wahrgenommen werden, dazugehören und Bedeutung besitzen. Verführer nutzen diese Bedürfnisse, indem sie Gemeinschaft, Anerkennung und einfache Antworten versprechen.
Unser Wunsch, etwas zu bewirken, kann der Zerstörung dienen – oder einer besseren Zukunft. Entscheidend ist, wofür wir ihn einsetzen.
Der gefährlichste Mensch ist der, der glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben
Am 11. September 2001 änderte sich innerhalb weniger Stunden das Sicherheitsgefühl der ganzen Welt. Passagierflugzeuge wurden zu Waffen, die Bilder der brennenden und schließlich einstürzenden Türme des World Trade Centers brannten sich in das kollektive Gedächtnis ein.
Doch neben dem Entsetzen entstand eine Frage, auf die moderne Gesellschaften bis heute keine einfache Antwort gefunden haben:
Wie schützt man sich vor einem Menschen, der selbst nicht überleben will?
Unsere Vorstellung von Sicherheit beruht auf einer sehr menschlichen Annahme: Auch der Gegner möchte leben. Er kann drohen, kämpfen und Gewalt anwenden – aber irgendwann wird sein Selbsterhaltungstrieb seinem Handeln Grenzen setzen.
Der Selbstmordattentäter setzt genau diese Gewissheit außer Kraft.
Das Prinzip ist viel älter als der islamistische Terrorismus unserer Zeit. Schon im mittelalterlichen Orient wurden Angehörige der Nizariten für Attentate eingesetzt, bei denen die eigene Flucht keine entscheidende Rolle mehr spielte. Im Zweiten Weltkrieg schickte Japan Kamikazepiloten gegen amerikanische Kriegsschiffe. Und auch das nationalsozialistische Deutschland setzte in der verzweifelten Endphase des Krieges Menschen für militärische Unternehmungen ein, deren Überlebenschancen teilweise erschreckend gering waren.
Religionen, Nationen und Ideologien unterscheiden sich. Der Mechanismus des Fanatismus ähnelt sich jedoch erstaunlich oft.
Ein großes Ziel wird verkündet. Ein Feind wird benannt. Die Welt wird immer einfacher: hier die Guten, dort die Bösen. Zweifel werden zur Schwäche, Widerspruch zum Verrat und Gehorsam zur Tugend.
Irgendwann zählt der einzelne Mensch nicht mehr.
Fanatismus braucht Gewissheit
Fanatiker zweifeln nicht gern. Denn wer zweifelt, beginnt zu fragen.
- Ist das wirklich wahr?
- Wem nutzt mein Opfer?
- Warum soll ausgerechnet ich verzichten?
- Warum soll ich diesen Menschen hassen?
Und vor allem:
Solche Fragen sind für fanatische Bewegungen gefährlich. Deshalb benötigen sie nicht unbedingt dumme Menschen – wohl aber Menschen, die irgendwann aufhören, kritisch zu denken und Fragen zu stellen.
Das Versprechen muss dabei keineswegs besonders intelligent sein. Manchmal genügt die Aussicht auf Anerkennung, Zugehörigkeit, Bedeutung, Geld, Macht oder ein vermeintlich besseres Leben. Ein junger Deutscher, der sich dem sogenannten Islamischen Staat angeschlossen hatte, berichtete in seinem Strafprozess wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, ihm seien Frauen und sogar ein Lamborghini versprochen worden. Bekommen habe er weder das eine noch das andere.
So grotesk diese Geschichte klingt, ihr psychologischer Kern ist ernst:
Menschen lassen sich leichter für fremde Ziele gewinnen, wenn man ihnen verspricht, ihre eigenen Wünsche zu erfüllen. Mehr Sicherheit? Natürlich – wir werden eine Bürgerwehr aufstellen, und du darfst Mitglied werden. Du bekommst Macht, du wirst zum Beschützer von Witwen und Waisen, du wirst der nächste Robin Hood, Batman oder zumindest sein Helferlein.
Der Fanatiker beginnt deshalb nicht zwangsläufig als Fanatiker. Vielleicht beginnt er als enttäuschter, wütender oder orientierungsloser Mensch, dem jemand eine wunderbar einfache Erklärung für eine komplizierte Welt anbietet.
Du bist nicht schuld.
Die anderen sind schuld.
Folge mir – und alles wird besser.
Die Verführer wechseln, die Methode bleibt
Und das gilt nicht nur für religiösen Extremismus.
Auch der deutsche Nationalsozialismus lebte von großen Versprechungen, einfachen Feindbildern und der Unterordnung des Individuums unter eine angeblich höhere Gemeinschaft. Menschen sollten nicht mehr zuerst Menschen mit eigenen Wünschen, Zweifeln und Lebensentwürfen sein. Sie sollten funktionieren.
Genau darin liegt eine Gemeinsamkeit fanatischer Systeme:
Der Verführer braucht deine Arbeitskraft, deine Stimme, deinen Gehorsam, vielleicht deine Waffe – und im äußersten Fall dein Leben. Dafür verspricht er dir etwas vermeintlich Größeres: das Paradies, ewigen Ruhm, die Rettung des Vaterlandes, eine bessere Gesellschaft oder deinen Platz auf der angeblich richtigen Seite der Geschichte.
Deshalb sollten unsere Alarmglocken immer dann läuten, wenn politische oder religiöse Führer behaupten, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Wenn gesellschaftliche Probleme nur noch Schuldige und keine Ursachen mehr haben. Wenn Andersdenkende nicht mehr irren dürfen, sondern zu Feinden erklärt werden.
Eine freie Gesellschaft lebt gerade davon, dass Menschen widersprechen dürfen.
Und trotzdem gibt es Grund zum Optimismus
Der September 2026 erinnert uns nicht nur an den 11. September. In Deutschland stehen politische Entscheidungen an. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden neue Landtage gewählt.
Eine demokratische Wahl, die nach rechtsstaatlichen Prinzipien durchgeführt wird, ist das genaue Gegenteil des Fanatismus.
Niemand verlangt von dir, für eine Partei zu sterben. Niemand verlangt, dass du dein eigenes Denken aufgibst. Wir dürfen Wahlprogramme vergleichen, Behauptungen überprüfen, widersprechen und unsere Meinung sogar noch auf dem Weg ins Wahllokal ändern.
Das erscheint selbstverständlich.
Historisch betrachtet ist es das keineswegs.
Vor rund 2.500 Jahren entstand in Athen eine für ihre Zeit revolutionäre Idee: Politische Entscheidungen sollten nicht allein einem Herrscher vorbehalten sein, sondern Bürger sollten an ihnen beteiligt werden.
Diese frühe Demokratie entsprach keineswegs unseren heutigen Vorstellungen. Frauen, Sklaven und viele andere Menschen waren von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen. Vor allem aber zeigt die Geschichte seitdem etwas Bemerkenswertes: Die Erfindung der Demokratie führte keineswegs dazu, dass die Menschheit fortan nur noch demokratisch regiert werden wollte.
Auf Demokratien folgten Monarchien, Oligarchien, Diktaturen und Tyranneien. Gesellschaften errangen Freiheiten und verloren sie wieder. Bis heute leben längst nicht alle Menschen in demokratischen Staaten.
Wäre Freiheit selbstverständlich und Demokratie ein politischer Zustand, für den sich Menschen zwangsläufig entscheiden, müsste sie längst überall auf der Welt herrschen.
Das tut sie nicht.
Vielleicht gehört gerade diese Erkenntnis zu den wichtigsten Voraussetzungen einer lebendigen Demokratie: Sie besitzt keine Bestandsgarantie.
Es wird auch künftig Menschen geben, die einfache Antworten anbieten. Es wird Verführer geben, die Sicherheit, Wohlstand, Gerechtigkeit oder nationale Größe versprechen. Und es wird Menschen geben, die ihnen glauben.
Das allein ist noch kein Grund zur Resignation.
Die Welt besteht selten nur aus Gut und Böse. Einfache Lösungen für komplizierte Probleme sind auch deshalb so verführerisch, weil gute Lösungen für komplizierte Probleme Denkarbeit erfordern.
Und eine Gesellschaft muss immer wieder neu aushandeln, was ihr wichtig ist: Freiheit und Sicherheit, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit, individuelle Interessen und gesellschaftliche Verantwortung. Die Antworten darauf können sich verändern, wenn sich die Welt verändert.
Deshalb lohnt es sich vor einer Wahl, für einen Augenblick den Lärm des Wahlkampfes und der Versprechungen auszublenden.
Was stört mich tatsächlich?
Was möchte ich verändern?
In welcher Gesellschaft möchte ich leben?
Welche Werte sollen für mich gelten – und sollen diese Werte auch für Menschen gelten, die vollkommen anders denken als ich?
Wie soll das Leben meiner Kinder aussehen? Wie das meiner Eltern und Großeltern?
Und können diejenigen, denen ich meine Stimme gebe, ihre großen Versprechen überhaupt erfüllen?
Wir müssen nicht alle dieselben Antworten finden. Genau das ist der große Vorteil einer freien Gesellschaft.
Und unabhängig davon, wie eine Wahl ausgeht, dreht sich die Welt am nächsten Morgen weiter. Regierungen wechseln, politische Mehrheiten verändern sich, wirtschaftliche Rahmenbedingungen verschieben sich. Menschen und Gesellschaften werden sich darauf einstellen müssen – wie sie es seit Jahrtausenden getan haben.
Optimismus bedeutet deshalb nicht, darauf zu vertrauen, dass immer diejenigen gewinnen, die wir selbst für die Richtigen halten.
Optimismus bedeutet, darauf zu vertrauen, dass freie Menschen denken, lernen, widersprechen, sich an neue Bedingungen anpassen und ihre Zukunft immer wieder neu gestalten können.
Wir müssen nur darauf achten, dass wir unsere Antworten selbst finden.
Für jeden, der selbstbestimmt leben will, ist das vielleicht die wichtigste Lehre aus den großen Fanatismen der Geschichte:
Misstraue jedem, der dir das Denken abnehmen möchte – besonders dann, wenn er behauptet, dies nur zu deinem Besten zu tun. Und wenn du bei der nächsten Wahl dein Kreuz machst, dann mach es bewusst, begründet auf Fakten, nicht auf Meinungen oder Emotionen.