„Wenn du an dich selbst glaubst, gibt es keine Grenzen für das, was du erreichen kannst.“
Dabei bedeutet der Glaube an sich selbst nicht, die eigenen Grenzen zu ignorieren oder Schwierigkeiten kleinzureden. Selbstvertrauen entsteht vielmehr aus der Überzeugung: Ich kann lernen. Ich kann mich entwickeln. Und ich bin nicht darauf festgelegt, was ich heute bereits kann oder was andere mir zutrauen.
Genau diese Haltung prägte auch die pädagogische Arbeit von Marva Collins. Sie arbeitete mit Kindern, denen zuvor häufig vermittelt worden war, dass sie den schulischen Anforderungen nicht gewachsen seien. Collins widersprach nicht nur dieser Einschätzung – sie begegnete ihren Schülerinnen und Schülern mit hohen Erwartungen. Sie traute ihnen anspruchsvolle Texte, schwierige Gedanken und außergewöhnliche Leistungen zu.
Manchmal muss zuerst jemand anderes an uns glauben
Darin liegt eine wichtige Ergänzung zu ihrem Zitat. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten entsteht nicht immer aus eigener Kraft. Besonders Kinder entwickeln ihr Bild von sich selbst auch durch die Menschen, die ihnen begegnen.
Wer einem Kind immer wieder vermittelt: Das kannst du nicht, setzt Grenzen, lange bevor die tatsächlichen Fähigkeiten ausgeschöpft sind. Wer dagegen sagt: Ich weiß, dass du das lernen kannst – und ich helfe dir dabei, eröffnet Möglichkeiten.
Das gilt nicht nur für Schule und Erziehung.
Auch im Berufsleben, in der Ausbildung oder bei persönlichen Veränderungen brauchen Menschen Herausforderungen, an denen sie wachsen können. Dazu gehört jedoch jemand, der ihnen etwas zutraut – manchmal sogar mehr, als sie sich selbst gerade zutrauen.
Zutrauen ist mehr als Lob
Marva Collins‘ Ansatz erinnert zugleich daran, dass Wertschätzung nicht bedeutet, Anforderungen immer weiter zu reduzieren. Sie verband ihre hohe Wertschätzung für Kinder gerade mit hohen Erwartungen.
Das ist ein bemerkenswerter Unterschied.
Ein vorschnelles „Das ist doch schon gut genug“ kann freundlich gemeint sein und einen Menschen trotzdem klein halten. Echtes Zutrauen sagt dagegen: Du kannst noch mehr. Probier es noch einmal. Ich traue dir zu, dass du diese Herausforderung bewältigst.
Dafür braucht es Geduld. Fehler gehören dazu, Umwege ebenso. Entscheidend ist, einen Rückschlag nicht mit dem eigenen Wert oder den eigenen grundsätzlichen Fähigkeiten zu verwechseln.
Aus einem „Das kann ich nicht“ kann dann ein „Das kann ich noch nicht“ werden.
Die Grenzen im Kopf verschieben
Natürlich ist der Satz „Es gibt keine Grenzen“ wörtlich genommen zu groß. Jeder Mensch hat Grenzen, und nicht jedes Ziel lässt sich allein durch genügend Selbstvertrauen erreichen. und es ist auch vollkommen legitim, dass man seine Anstrengungen reduziert, wenn man seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Nicht jeder kann Bundespräsident werden, aber jeder kann sich politisch engagieren.
Als pädagogischer Gedanke bekommt die Aussage jedoch eine andere Bedeutung: Wir sollten vorsichtig damit sein, Grenzen festzulegen, bevor ein Mensch überhaupt Gelegenheit hatte herauszufinden, was in ihm steckt.
Vielleicht liegt genau darin die bleibende Aktualität von Marva Collins.
Gute Lehrerinnen und Lehrer vermitteln nicht nur Wissen. Gute Führungskräfte verteilen nicht nur Aufgaben. Und gute Wegbegleiter geben nicht einfach Antworten.
Sie helfen Menschen dabei, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken. Kluge Fragen stellen, statt einfache Antworten geben, hilft Kindern und Erwachsenen den richtigenn Weg zu finden.
Manchmal beginnt eine erstaunliche Entwicklung mit einem einfachen Satz:
„Ich glaube, dass du das kannst.“
Und irgendwann wird daraus: