Menschlichkeit und Sauberkeit kosten weniger als die Seuchen, die aus Vernachlässigung erwachsen.
— John Howard, englischer Sozialreformer (02.09.1726–20.01.1790)
Sein Satz ist 250 Jahre alt – und erschreckend aktuell
Howard hatte erkannt, dass Menschlichkeit nicht nur moralisch richtig, sondern auch vernünftig und wirtschaftlich ist. Wer an Hygiene, menschenwürdigen Bedingungen und Vorsorge spart, spart nicht wirklich. Er verschiebt die Rechnung lediglich in die Zukunft – und macht sie größer.
Genau darin liegt für mich die Verbindung zur heutigen Klimakatastrophe.
Wir sparen nicht – wir verschieben die Rechnung
Wir diskutieren darüber, was Klimaschutz kostet. Wir rechnen vor, wie teuer erneuerbare Energien, Netze, Speicher, Gebäudesanierungen oder eine klimafreundliche Industrie sind.
Und gleichzeitig investieren wir weiter in dreckige Energie, machen uns von Energieimporten abhängig und behandeln die Atmosphäre, als wäre ihre Belastbarkeit kostenlos.
Warum schicken wir unser Geld ins Ausland?
Aus welchem Grund überweist Deutschland jedes Jahr rund 90 Milliarden Euro ins Ausland, um dort fossile Energien einzukaufen, anstatt dieses Geld endlich konsequent in den Aufbau erneuerbarer Energien – Wind, Sonne, Batterietechnik und dezentrale Vernetzung – in Deutschland zu investieren?
Es würde den Industriestandort Deutschland attraktiver und stärker machen, Wertschöpfung im eigenen Land schaffen und unser BIP steigern.
Dabei müssen sich endlich auch die fossilen Dinosaurier von ihren veralteten Geschäftsmodellen verabschieden. Am besten jetzt sofort, bevor es ihnen so geht, wie es Teilen unserer Automobilindustrie gerade ergeht: Andere erkennen die Veränderung früher, investieren in neue Technologien – und plötzlich laufen wir hinterher.
Wir verschieben mit diesen Fehlentscheidungen die Rechnung nur in die Zukunft.
Was wir heute nicht für Klimaschutz, Vorsorge und eine unabhängige, saubere Energieversorgung ausgeben, werden wir morgen für die Folgen bezahlen: für Hochwasser und Dürren, Ernteausfälle und Waldbrände, zerstörte Infrastruktur, steigende Versicherungs- und Gesundheitskosten, Migration und gesellschaftliche Konflikte.
Und diese Rechnung wird nicht gerecht verteilt sein
Wer genügend Vermögen besitzt, kann steigenden Preisen, Hitze und manchen Folgen des Klimawandels länger ausweichen.
Die Milliardäre können aus Florida, von Sylt oder aus ihren Chalets in der Schweiz flüchten und sich irgendwo ein neues Domizil an einem vermeintlich sicheren Ort leisten.
Elon Musk will sogar unbedingt auf den Mars.
Gute Reise – und vergiss bitte nicht, deine Kumpels mitzunehmen.
Aber wohin flüchtet der Rest?
Was machen diejenigen, die sich kein zweites Haus, keinen Privatjet und keinen sicheren Rückzugsort leisten können?
Afrika hat heute weit mehr als eine Milliarde Einwohner. Hinzu kommen die Menschen im Nahen und Mittleren Osten einschließlich der Türkei. Und die Warnung, dass Europa die Probleme seiner Nachbarn nicht einfach hinter Mauern und Zäunen aussperren kann, ist keineswegs neu.
Schon vor rund 20 Jahren warnte der damalige senegalesische Präsident Abdoulaye Wade Europa sinngemäß: Wenn ihr uns nicht dabei helft, Arbeitsplätze und Perspektiven für unsere Jugend in Afrika zu schaffen, werdet ihr die Migration nicht stoppen können. Die Menschen werden sich auf den Weg nach Europa machen – Mauern und Zäune werden sie nicht aufhalten.
Selbst Libyens damaliger Machthaber Muammar al-Gaddafi benutzte genau dieses Szenario – allerdings zynisch als politisches Druckmittel gegenüber Europa: Bezahlt uns dafür, Migration aufzuhalten, sonst werden Millionen Menschen nach Europa kommen.
Heute kommt die Klimakatastrophe hinzu
Heute kommt zu Armut, fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven und politischen Konflikten noch etwas hinzu, dessen Dimension wir gerade erst zu begreifen beginnen: die Klimakatastrophe.
Was geschieht, wenn Hitze, Wassermangel, Ernteausfälle und der Verlust wirtschaftlicher Lebensgrundlagen immer größere Regionen Afrikas und des Nahen Ostens für ihre Bewohner unerträglich machen?
Wohin werden sich die Menschen wenden?
Richtung Russland?
Oder nicht doch eher Richtung Europa?
Die Vorstellung, Europa könne sich dann einfach abschotten, halte ich für absurd. Wie hoch sollen die Mauern werden? Wie viele Kilometer Zaun wollen wir bauen?
Und wie viele Kinder soll denn jede deutsche Frau gebären, damit für den Grenzschutz irgendwann noch ausreichend Personal zur Verfügung steht?
Vorsicht: Ironie.
Vielleicht wäre es klüger, menschlicher und am Ende sogar sehr viel billiger, heute einen Teil unseres Wohlstands dafür einzusetzen, dass Menschen auch morgen noch eine lebenswerte Heimat haben.
Und damit sind wir wieder bei John Howard
Denn im Kern geht es heute wie damals um Menschenwürde, Menschenrechte und gesellschaftliche Teilhabe.
Wer wenig besitzt, kann den Folgen gesellschaftlicher und ökologischer Fehlentscheidungen viel schlechter ausweichen als diejenigen, die über Vermögen und Einfluss verfügen.
Wenn gleichzeitig immer mehr Menschen den Eindruck gewinnen, dass sie zwar die Kosten eines Wirtschaftssystems tragen, an seinem wachsenden Wohlstand aber immer weniger teilhaben, entsteht gesellschaftlicher Sprengstoff.
Wohlstand ohne Teilhabe hat keine Zukunft
Die Geschichte zeigt, wie gefährlich Gesellschaften werden können, in denen große Teile der Bevölkerung dauerhaft von Wohlstand, Rechten und politischer Gestaltung ausgeschlossen sind.
Die Amerikanische und die Französische Revolution hatten sehr unterschiedliche Ursachen. Aber Fragen nach Freiheit, Teilhabe, Privilegien und Menschenrechten spielten bei beiden eine entscheidende Rolle.
Deshalb beschäftigt mich heute eine Frage:
Wie lange akzeptiert eine Mehrheit, nicht angemessen an dem Wohlstand teilzuhaben, den eine Gesellschaft gemeinsam erwirtschaftet?
Der Kommunismus ist als großes gesellschaftliches Gegenmodell historisch gescheitert.
Und ein Kapitalismus, der Wohlstand immer stärker konzentriert, ökologische Lebensgrundlagen verbraucht und seine Folgekosten der Allgemeinheit und kommenden Generationen überlässt, stößt ebenfalls an seine Grenzen.
Ich weiß nicht, was danach kommt
Aber vielleicht müssen wir das auch noch nicht wissen.
Vielleicht sollten wir zunächst den Mut haben, auszuprobieren, ob eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung möglich ist, die ihren Erfolg nicht allein daran misst, wie viel Kapital sie vermehrt, sondern daran, wie vielen Menschen sie ein gutes, freies und menschenwürdiges Leben ermöglicht – ohne die Lebensgrundlagen der nächsten Generationen zu zerstören.
Vielleicht müssen wir auch wieder lernen, Wirtschaft nicht als Selbstzweck zu betrachten.
Eine Wirtschaft ist für die Menschen da.
Nicht die Menschen für die Wirtschaft.
Vorsorge ist billiger als Vernachlässigung
John Howard hat vor 250 Jahren etwas verstanden, das wir heute offenbar neu lernen müssen:
Vorsorge ist billiger als Vernachlässigung.
Menschlichkeit ist billiger als Unmenschlichkeit.
Vorsorge kostet Geld.
Aber Vernachlässigung kostet ein Vielfaches – und am Ende möglicherweise Menschenleben, Menschenwürde und gesellschaftlichen Frieden.
Vielleicht sollten wir endlich verstehen, dass das auch für unser Klima gilt.