01.09.26

licht_kopf_motiv_transparent_sauber
Henry Kissinger
Der Diplomat, der Weltpolitik als Gleichgewicht der Kräfte betrieb und damit zugleich Bewunderung, Misstrauen und bis heute anhaltende moralische Debatten auslöste.

Henry Kissinger

amerikanischer Politikwissenschaftler und Hochschullehrer
Flagge
Die Aufgabe eines Führers ist es, sein Volk von dort, wo es ist, dorthin zu bringen, wo es noch nie gewesen ist.
Auch ein Paranoiker hat einige wirkliche Feinde.
Schüchterne Menschen reagieren angesichts großer Chancen eher mit Furcht als mit Kühnheit.

Henry Kissinger – Macht, Ordnung und die Grenzen der Diplomatie

Henry Kissinger gehört zu den prägenden und zugleich umstrittensten Gestalten der internationalen Politik des 20. Jahrhunderts. Kaum ein anderer Diplomat seiner Generation verband historische Bildung, strategisches Denken und unmittelbare politische Macht in vergleichbarer Weise. Für seine Bewunderer war er ein außergewöhnlicher Architekt internationaler Verständigung; für seine Kritiker ein Vertreter einer Realpolitik, die Stabilität und amerikanische Interessen immer wieder über Menschenrechte und demokratische Prinzipien stellte. Beide Sichtweisen gehören zu seinem politischen Porträt.

Politik als Suche nach einer tragfähigen Ordnung

Kissingers Denken kreiste weniger um die Frage, wie eine ideale Welt aussehen sollte, als darum, wie Staaten mit unterschiedlichen Interessen, Ideologien und Machtmitteln miteinander auskommen können, ohne dass Konflikte in einen großen Krieg münden.

Dahinter stand seine intensive Beschäftigung mit europäischer Geschichte. Schon als Wissenschaftler in Harvard untersuchte er Gleichgewichtssysteme, Diplomatie und die Frage, wodurch internationale Ordnungen stabil werden oder zerbrechen. Später übertrug er dieses Denken auf den Kalten Krieg. Frieden bedeutete für ihn nicht einfach die Abwesenheit militärischer Auseinandersetzungen. Dauerhafter Frieden verlangte nach seiner Auffassung eine Ordnung, deren grundlegende Regeln auch rivalisierende Großmächte akzeptierten. Diese Vorstellung spielte bereits bei der Verleihung des Friedensnobelpreises eine zentrale Rolle in der Darstellung seiner politischen Philosophie.

Daraus entstand jene Politik, die untrennbar mit seinem Namen verbunden ist: Realpolitik. Staaten sollten nicht danach beurteilt werden, ob man ihre politische Ordnung oder Ideologie sympathisch fand, sondern danach, welche Interessen sie verfolgten, welche Macht sie besaßen und welche Vereinbarungen mit ihnen möglich waren.

Zwischen Washington, Moskau und Peking

Als Sicherheitsberater Richard Nixons und später gleichzeitig als amerikanischer Außenminister erhielt Kissinger die Möglichkeit, seine Vorstellungen praktisch umzusetzen. Von 1973 bis 1975 war er sogar der erste Amerikaner, der gleichzeitig Außenminister und Nationaler Sicherheitsberater war. Besonders folgenreich war die Annäherung an die Volksrepublik China. 1971 reiste Kissinger zunächst geheim nach Peking und führte ausführliche Gespräche mit Ministerpräsident Zhou Enlai. Diese Kontakte bereiteten Richard Nixons historischen China-Besuch vor und veränderten das strategische Dreieck zwischen Washington, Moskau und Peking grundlegend.

Kissinger wollte weder China noch die Sowjetunion zu Freunden Amerikas machen. Gerade darin lag der Kern seines Denkens. Gegensätze mussten nicht verschwinden, damit Diplomatie möglich wurde.

Parallel dazu betrieb die Nixon-Regierung die Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion. Verhandlungen über Rüstungskontrolle, strategisches Gleichgewicht und politische Zusammenarbeit sollten das Risiko einer direkten Konfrontation der beiden Atommächte vermindern. Realismus, Entspannung und die sogenannte Dreiecksdiplomatie zwischen USA, Sowjetunion und China wurden zu Kennzeichen dieser Außenpolitik.

Diplomatie in Bewegung

Kissinger war kein Außenminister, der Diplomatie hauptsächlich vom Schreibtisch aus betrieb. Seine berühmte Shuttle-Diplomatie machte ihn selbst zum Instrument der Verhandlung.

Nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1973 reiste er wiederholt zwischen den Hauptstädten des Nahen Ostens. Daraus entstanden unter anderem Entflechtungsvereinbarungen zwischen Ägypten und Israel sowie zwischen Syrien und Israel. Später folgte ein weiteres ägyptisch-israelisches Abkommen. Die Dimension seiner Reisetätigkeit war außergewöhnlich: Während seiner Amtszeit als Außenminister legte er nach Angaben des US-Außenministeriums rund 565.000 Flugmeilen zurück und absolvierte 213 Auslandsbesuche. Nach dem Krieg von 1973 verbrachte er einmal 33 Tage hintereinander mit Verhandlungen im Nahen Osten.

Das entsprach seinem Verständnis von Diplomatie. Persönliche Gespräche waren für ihn nicht bloß höfliches Beiwerk internationaler Beziehungen. Wer sein Gegenüber verstand, dessen Interessen und Grenzen erkannte und wusste, welche Zugeständnisse politisch möglich waren, konnte Handlungsspielräume schaffen, die in öffentlichen Erklärungen kaum existierten.

Vietnam und der widersprüchliche Friedensnobelpreis

Gerade Vietnam zeigt jedoch die Ambivalenz dieser Politik.

Kissinger führte gemeinsam mit dem nordvietnamesischen Unterhändler Lê Đức Thọ die Verhandlungen, die 1973 zum Waffenstillstand führten. Dafür erhielten beide den Friedensnobelpreis. Lê Đức Thọ verweigerte die Annahme des Preises. Auch innerhalb des Nobelkomitees war die Entscheidung so umstritten, dass zwei Mitglieder aus Protest ausschieden.

Die Friedensverhandlungen standen zugleich neben einer Politik massiver militärischer Gewalt. Gerade diese Verbindung – verhandeln und gleichzeitig militärischen Druck ausüben – gehörte zu Kissingers strategischem Denken. Für ihn waren militärische Macht und Diplomatie keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Instrumente derselben Außenpolitik.

Für Kritiker liegt genau hier eines der schwerwiegendsten Probleme seines politischen Erbes.

Die dunkle Seite der Realpolitik

Eine Würdigung Kissingers wäre unvollständig, wenn sie nur China, Entspannungspolitik und Verhandlungsgeschick betrachtete.

Seine Politik gegenüber Chile, seine Rolle bei amerikanischen Entscheidungen im Zusammenhang mit Vietnam und anderen Konflikten sowie die generelle Bereitschaft der Nixon- und Ford-Regierungen, autoritäre Regierungen unter strategischen Gesichtspunkten zu behandeln, machten Kissinger schon zu Lebzeiten zu einer höchst kontroversen Figur. Selbst die historische Darstellung des US-Außenministeriums nennt insbesondere Chile und Angola als kontroverse Bestandteile seiner Amtszeit.

Hier stößt Realpolitik an ihre moralische Grenze.

Wenn Stabilität, Machtgleichgewicht und nationale Interessen die entscheidenden Kategorien politischen Handelns sind, stellt sich zwangsläufig die Frage, welchen Stellenwert Menschenrechte, demokratische Selbstbestimmung und das Schicksal einzelner Menschen besitzen.

Kissinger argumentierte aus der Perspektive des Staatsmannes, der zwischen unvollkommenen Möglichkeiten entscheiden müsse. Seine Kritiker hielten dagegen, dass gerade diese Denkweise dazu verleiten könne, menschliches Leid als strategische Größe zu behandeln.

Dieser Konflikt lässt sich bei Kissinger nicht auflösen. Er gehört zu seiner historischen Bedeutung.

Kissinger und Helmut Schmidt

Eine andere Seite Kissingers zeigt seine außergewöhnlich lange Freundschaft mit Helmut Schmidt.

Hier begegneten sich zwei Männer, die trotz unterschiedlicher Herkunft und politischer Zugehörigkeit eine ähnliche Sprache sprachen. Beide betrachteten internationale Politik mit ausgeprägtem historischem Bewusstsein, beide misstrauten einfachen Antworten, und beide interessierten sich stark für strategische Zusammenhänge, wirtschaftliche Entwicklungen und das Verhältnis der Großmächte.

Aus politischer Bekanntschaft wurde eine persönliche, lebenslange Freundschaft. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte später ausdrücklich an Bilder Schmidts mit Kissinger und bezeichnete Kissinger als einen Mann, der Schmidt „ein lebenslanger Freund geworden ist“.

Diese Freundschaft ist für das Verständnis beider Männer interessant. Schmidt war Sozialdemokrat, Kissinger arbeitete im Zentrum republikanischer Regierungen. Ihre Nähe beruhte daher kaum auf Parteipolitik. Sie beruhte vielmehr auf einer gemeinsamen Vorstellung davon, dass Politik Kenntnisse, Urteilskraft und persönliche Verlässlichkeit verlangt.

Beide gehörten außerdem zu jener politischen Generation, für die die Erfahrung von Krieg, deutscher Geschichte, Teilung Europas und nuklearer Bedrohung keine abstrakten Kapitel eines Geschichtsbuches waren.

Noch lange nachdem beide keine Regierungsämter mehr innehatten, blieben sie Gesprächspartner. Das passt zu Kissinger ebenso wie zu Schmidt: Das politische Amt endete – das Interesse an Weltpolitik nicht.

Ein Staatsmann ohne Ruhestand

Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung verschwand Kissinger keineswegs aus der Öffentlichkeit. Er gründete Kissinger Associates, schrieb Bücher und Aufsätze und blieb über Jahrzehnte Gesprächspartner von Präsidenten, Regierungschefs, Diplomaten und Wirtschaftsführern.

Dadurch entstand eine ungewöhnliche zweite Karriere: Aus dem handelnden Politiker wurde ein Beobachter und Kommentator internationaler Politik, der weiterhin Zugang zu den Mächtigen der Welt besaß.

Seine Themen blieben bemerkenswert konstant: China, Russland, Europa, das internationale Gleichgewicht, nukleare Abschreckung und die Frage, wie eine Weltordnung funktionieren kann, wenn mehrere Großmächte gleichzeitig ihre Interessen durchsetzen wollen.

Das erklärt auch, warum Kissinger noch Jahrzehnte nach seiner eigentlichen Regierungszeit Aufmerksamkeit erhielt. Man musste seine Antworten nicht teilen, um die Fragen ernst zu nehmen, die er stellte.

Das Vermächtnis eines Realpolitikers

Henry Kissinger lässt sich weder überzeugend zum großen Friedensstifter verklären noch auf die Rolle eines skrupellosen Machtpolitikers reduzieren.

Seine Öffnung gegenüber China, die Entspannungspolitik mit der Sowjetunion und seine Verhandlungen im Nahen Osten zeigen die Möglichkeiten einer Diplomatie, die auch mit Gegnern spricht. Vietnam, Chile und andere Entscheidungen zeigen gleichzeitig, welchen Preis eine Politik haben kann, wenn strategische Zweckmäßigkeit zum dominierenden Maßstab wird.

Vielleicht liegt gerade darin der Wert Kissingers als Charakterkopf.

An ihm lässt sich eine der ältesten Fragen der Politik untersuchen:

Wie weit darf ein Staatsmann gehen, um Frieden, Stabilität und die Interessen seines Landes zu sichern – und an welchem Punkt wird politischer Realismus zur moralischen Gleichgültigkeit?

Kissinger gab darauf während seines langen Lebens immer wieder seine eigene Antwort. Die historische Debatte darüber ist bis heute nicht abgeschlossen.

Heute ist ...

Ein neuer Tag liegt vor dir. Nutze ihn mit wachem Blick, klarem Kopf und einem freundlichen Herzen.

Inspirierende Köpfe

Menschen, die etwas zu sagen haben.

Paul Watzlawick
Paul Watzlawick

Der Mann, der zeigte, dass jede Botschaft zuerst eine Beziehung verhandelt

Sokrates
Sokrates

Der Athener Philosoph, der mit Fragen, Widerspruch und unbequemer Selbstprüfung die europäische Philosophie prägte.

Peter Ustinov
Peter Ustinov

Der Weltbürger, der mit Witz Grenzen überwand und Menschlichkeit zur Hauptrolle machte

Quintilian
Quintilian

Der römische Rhetoriklehrer, der Redekunst als Charakterbildung und Grundlage verantwortungsvoller öffentlicher Rede verstand.

Platon
Platon

Der Schüler des Sokrates, Lehrer des Aristoteles und Gründer der Akademie, der Ideenlehre, Dialogkunst und politische Philosophie prägte.

Top-Themen