Das Problem der Welt ist, dass intelligente Menschen voller Zweifel und Dumme voller Selbstvertrauen sind.
Der Satz über Zweifel und Selbstvertrauen beschreibt ein interessantes psychologisches Phänomen. Wer viel weiß, erkennt häufig auch, wie viel er nicht weiß. Wissen schafft nicht nur Gewissheit, sondern macht Widersprüche, Ausnahmen und Unsicherheiten sichtbar. Wer dagegen die Komplexität eines Problems gar nicht erkennt, kann erstaunlich sicher auftreten. In der Psychologie erinnert das an den Dunning-Kruger-Effekt – wobei die populäre Kurzform „Dumme überschätzen sich, Kluge zweifeln“ deutlich zu simpel wäre.
Für die Rhetorik steckt darin eine wichtige Warnung: Selbstsicherheit ist kein Wahrheitsbeweis. Derjenige, der am lautesten und entschiedensten spricht, muss nicht derjenige sein, der am meisten verstanden hat. Und der Mensch, der sagt „Ich bin mir nicht sicher“, ist nicht zwangsläufig schwach. Zweifel kann Ausdruck intellektueller Redlichkeit sein.
Bukowski selbst passt auf eine merkwürdige Weise zu diesem Gedanken. Sein Roman „Der Mann mit der Ledertasche“ (Post Office) entstand aus seinen Erfahrungen beim amerikanischen Postdienst, wo er viele Jahre gearbeitet hatte.
Sein Alter Ego Henry Chinaski ist kein strahlender Sieger. Er ist widersprüchlich, unbequem, häufig selbstzerstörerisch und alles andere als ein Vorbild. Gerade diese Weigerung, aus dem eigenen Leben nachträglich eine saubere Erfolgsgeschichte zu machen, gehört für mich zur Stärke Bukowskis.
Vielleicht hat mich genau das an ihm so geärgert – und gleichzeitig so beeindruckt.
Seine Underground-Literatur und diese radikale Offenheit gegenüber den eigenen Niederlagen haben mich selbst beeinflusst. Irgendwann stand für mich die Frage im Raum, ob Sicherheit wirklich dasselbe ist wie ein erfülltes Leben. Ich gab meinen Beamtenstatus bei der Freien und Hansestadt Hamburg auf, machte mich selbstständig und lebe seitdem als Rhetor – mit den Freiheiten, aber eben auch mit den Unwägbarkeiten und Problemen, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Meine Eltern waren nicht begeistert.
Bukowski lieferte dafür keine Gebrauchsanweisung. Zum Glück, so konnte ich meine eigenen Fehler machen.
Aber seine Bücher konnten einem den Gedanken zumuten, dass ein Leben nicht erst dann gelungen ist, wenn man alle Risiken beseitigt, alle Zweifel überwunden und jede Niederlage vermieden hat. Vielleicht gehört gerade die Bereitschaft, trotz der Zweifel eine Entscheidung zu treffen und anschließend mit ihren Folgen zu leben, zu den interessanteren Formen von Selbstvertrauen.
Und vielleicht ist das der schönere Gegensatz zu Bukowskis zugeschriebenem Satz:Nicht zweifellos durchs Leben gehen.
Sondern den eigenen Zweifeln zuhören – und trotzdem den Mut haben, zu handeln.