Srebrenica war nicht weit weg
Am 11. Juli 1995 fiel die UN-Schutzzone Srebrenica. In den folgenden Tagen ermordeten bosnisch-serbische Einheiten mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen. Das Verbrechen geschah mitten in Europa – vor den Augen einer internationalen Gemeinschaft, die Schutz versprochen hatte und versagte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und erst recht nach der deutschen Wiedervereinigung glaubten viele, die großen Kriege Europas lägen endgültig hinter uns. Bosnien zerstörte diese Gewissheit. Sarajevo, Mostar und Srebrenica zeigten, wie schnell Nachbarn zu Feinden erklärt, Menschen vertrieben und ganze Lebenswelten vernichtet werden können.
Die Bilder lösten Entsetzen und große Hilfsbereitschaft aus. Menschen spendeten, nahmen Geflüchtete auf und fragten, wie so etwas noch einmal möglich sein konnte. Doch als die Bilder aus den Nachrichtensendungen verschwanden, verschwand bei vielen auch das Gefühl der Nähe. Das Leid war nicht beendet. Es war nur nicht mehr täglich sichtbar.
Was wir nicht sehen, halten wir leichter für fern. Was fern erscheint, erklären wir schneller zur Angelegenheit anderer. Genau darin liegt die gefährliche Illusion der Entfernung.
1993: Die Zerstörung der Alten Brücke von Mostar
Die Aufnahmen zeigen Kampfszenen und im Hintergrund den Augenblick, in dem die jahrhundertealte Brücke zusammenbricht. Militärisch war ihre Zerstörung kaum zu rechtfertigen. Symbolisch war sie verheerend: Eine Verbindung, die Generationen getragen hatte, wurde zum Ziel, weil sie für ein gemeinsames Leben stand.
Brücken werden gebaut, weil Menschen einander erreichen wollen
Die Alte Brücke von Mostar war mehr als ein Bauwerk. Sie verband Ufer, Stadtteile, Erinnerungen und Menschen. Ihre Zerstörung macht sichtbar, was jeder Krieg zuerst angreift: nicht nur Häuser und Straßen, sondern Vertrauen, Nachbarschaft und die Vorstellung, dass ein gemeinsames Leben möglich ist. Vom Urbizid – der gezielten Zerstörung einer Stadt und ihrer kulturellen Lebensgrundlagen – ist es nicht weit bis zum Genozid, der Vernichtung von Menschen.
Die Bilder gleichen sich erschreckend. Ob in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan, der Ukraine, Israel, Iran oder den palästinensischen Gebieten: Zerstört werden nicht nur Gebäude. Zerstört werden Schulen, Familiengeschichten, Freundschaften und die alltäglichen Verbindungen, die eine Gesellschaft zusammenhalten.
Auch wenn das Leid aus unserem Blick verschwindet, bleiben Schuld und Verantwortung bestehen
Die Kriege im arabischen Raum und in Afghanistan erschienen aus deutscher Sicht lange weit entfernt. Ihre Folgen kamen dennoch zu uns – in Gestalt von Menschen, die Häuser, Angehörige, Berufe und vertraute Lebenswelten verloren hatten. Doch statt ihre Geschichten zu sehen, sahen wir immer häufiger Zahlen. Aus Schutzsuchenden wurden „Ströme“, „Wellen“, „Fälle“ und „Belastungen“. Aus einzelnen Menschen wurden abstrakte Probleme und diffuse Ängste.
Sprache ist dabei niemals harmlos. Wer Menschen nur noch als Masse bezeichnet, muss ihr einzelnes Schicksal nicht mehr wahrnehmen. Wer ausschließlich über „Grenzen dicht“, Zurückweisungen und Abschiebungen spricht, ohne zugleich über Menschenrechte, Fluchtursachen und Verantwortung zu sprechen, verschiebt den moralischen Maßstab einer Gesellschaft.
Natürlich braucht ein Rechtsstaat Regeln. Aber seine Stärke zeigt sich nicht in größtmöglicher Härte. Sie zeigt sich darin, dass er auch unter Druck Recht, Würde und Menschlichkeit verteidigt.
Menschenrechte gelten nicht nur in ruhigen Zeiten
Das Asylrecht ist keine freundliche Geste, die man gewährt, solange sie bequem bleibt. Es entstand aus der Erfahrung, dass Menschen einen sicheren Ort brauchen, wenn ihr eigener Staat sie nicht schützt oder selbst verfolgt.
Die deutsche Geschichte lehrt nicht, dass nur eine bestimmte Gruppe gefährdet sein kann. Sie lehrt, wohin es führt, wenn Menschen nach Herkunft, Religion oder Zugehörigkeit sortiert, sprachlich abgewertet und schrittweise entrechtet werden. Diese Geschichte darf nicht leichtfertig mit jedem heutigen Konflikt gleichgesetzt werden. Aber sie verpflichtet uns, die frühen Mechanismen der Entmenschlichung zu erkennen – unabhängig davon, wen sie treffen.
Woher nehmen wir die Sicherheit, dass es uns niemals treffen könnte?
Menschenrechte heißen nicht so, weil sie nur für sympathische Menschen, Staatsbürger oder Angepasste gelten. Sie gelten gerade dann, wenn Angst, Wut und politische Bequemlichkeit dazu verleiten, Ausnahmen zu fordern. Menschliche Solidarität, Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe sind zentrale Werte sowohl im Koran als auch in der Bibel. Wie unbequem für Politiker, die glauben, diese Prinzipien umschreiben zu können, weil sie nicht in ihr Weltbild passen. Wer von christlichen Werten spricht, sollte deshalb erklären, welche Werte er meint.
Achtzig Jahre Frieden in Deutschland sind ein großes Geschenk. Doch Frieden kann auch nachlässig machen. Wer Krieg, staatliche Willkür und Verfolgung nur aus Büchern kennt, kann glauben, die eigenen Rechte seien naturgegeben und unzerstörbar. Sie sind es nicht. Auch das alte Ägypten führte Kriege; Griechen und Römer hielten ihre Ordnung für dauerhaft und sich selbst für den Nabel der Welt. Selbst Reiche, die Jahrtausende bestanden, verschwanden. Das einzig Beständige in der Welt ist der Wandel.
Menschenrechte bestehen nur so lange, wie Menschen bereit sind, sie auch für andere zu verteidigen.
Nicht erst aufwachen, wenn die Massengräber geöffnet werden
Srebrenica mahnt uns, nicht erst dann aufzuwachen, wenn die Massengräber geöffnet werden. Die Erinnerung an den 11. Juli 1995 darf nicht bei Kränzen, Reden und dem Satz „Nie wieder“ stehen bleiben. Sie muss uns empfindlich machen für jede Sprache, die Menschen zu einer anonymen Masse erklärt, für jede Politik, die Rechte nach Herkunft staffeln möchte, und für jede bequeme Behauptung, das Leid anderer gehe uns nichts an.
Grausamkeit beginnt nicht erst mit Gewalt. Sie beginnt mit Gleichgültigkeit, mit dem Wegsehen und mit der Gewöhnung an eine Sprache, in der Menschen nur noch als Problem vorkommen.
Srebrenica war nicht weit weg.
Es war nah genug, um uns zu warnen.
Die Frage ist, ob wir noch zuhören.