850 Jahre Sprache, Poesie und gelebte walisische Kultur
In Wales begeht man ein Jubiläum, das selbst für europäische Verhältnisse außergewöhnlich ist: Seit 850 Jahren treffen sich dort Dichter, Musiker und Geschichtenerzähler zum Eisteddfod.
Das walisische Wort bedeutet sinngemäß „zusammensitzen“. Was beinahe bescheiden klingt, bezeichnet heute eines der größten Kulturfeste Europas.
Seinen überlieferten Anfang nahm alles im Jahr 1176. Lord Rhys ap Gruffudd lud Dichter und Musiker auf seine Burg in Cardigan ein. Sie sollten miteinander wetteifern, vortragen und zeigen, wer sein Handwerk am besten beherrschte. Die Sieger erhielten einen Platz am Tisch des Fürsten – und damit eine Auszeichnung, die damals wertvoller sein konnte als Geld.
Aus diesem höfischen Wettstreit entwickelte sich über Jahrhunderte eine walisische Institution.
Das Eisteddfod ist bis heute Wettbewerb und Volksfest zugleich. Es wird gedichtet, gesungen, musiziert, getanzt und erzählt. Zu den höchsten Auszeichnungen gehören ein kunstvoll gefertigter Stuhl für den besten streng gebundenen Vers und eine Krone für freie Dichtung. Alte Zeremonien treffen dabei auf Rockmusik, Theater, moderne Kunst und ein Publikum, das nicht nur zuschaut, sondern mitfeiert.
2026 kehrt das Fest zu seinen Ursprüngen zurück. Das Eisteddfod y Garreg Las findet nur wenige Kilometer von Cardigan Castle entfernt statt. Vom 1. bis 8. August erinnert dort eine ganze Region an die erste Zusammenkunft vor 850 Jahren.
Ein fünf Meter großer Lord Rhys zog als Puppe durch die umliegenden Ortschaften. Kinder lernen spielerisch, wie aus einem Dichterwettstreit ein nationales Kulturfest entstand. Auf den Bühnen stehen traditionelle Barden ebenso wie zeitgenössische Künstler und Bands.
Das Entscheidende aber ist nicht die Größe des Programms. Es ist die Sprache.
Walisisch wurde über Jahrhunderte zurückgedrängt, verspottet und aus Schulen und Öffentlichkeit verdrängt. Trotzdem wird es heute noch gesprochen, geschrieben und gesungen. Das Eisteddfod zeigt, warum: Eine Sprache überlebt nicht allein in Wörterbüchern. Sie überlebt, wenn Menschen in ihr streiten, lachen, dichten und miteinander feiern.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Kraft dieses Festes. Wales bewahrt seine Kultur nicht, indem es sie hinter Glas stellt. Es benutzt sie.
Aus einer Zusammenkunft auf einer mittelalterlichen Burg wurde ein lebendiger Treffpunkt für Hunderttausende. Aus alten Versmaßen entstanden neue Lieder. Und aus dem schlichten Gedanken des Zusammensitzens wurde ein kulturelles Gedächtnis, das seit 850 Jahren weitergegeben wird.
In einer Zeit, in der vieles immer schneller, lauter und austauschbarer wird, erinnert das Eisteddfod an etwas Erstaunliches: