„Unser Leben selbst muss unsere Botschaft sein.“
Am 11. Oktober 1926 wurde in Huế in Vietnam Thích Nhất Hạnh geboren. Der Zen-Meister, Schriftsteller und Friedensaktivist wurde zu einem der bekanntesten buddhistischen Lehrer unserer Zeit und trug wesentlich dazu bei, die Praxis der Achtsamkeit auch im Westen bekannt zu machen.
Dabei ging es ihm um weit mehr als Meditation, Entspannung und innere Ruhe.
Thích Nhất Hạnh entwickelte die Idee eines „engagierten Buddhismus“: Wer zu innerer Klarheit findet, soll sich nicht aus der Welt zurückziehen, sondern ihr bewusster begegnen und entsprechend handeln.
Der Eremit, der einsam auf einem Berg oder in seiner Höhle meditiert und dort zur Erkenntnis gelangt, mag für sich selbst ein zufriedenes und genügsames Leben gefunden haben. Aber was geschieht mit dieser Erkenntnis? Welchen Dienst leistet sie anderen Menschen, wenn sie nicht in die Welt hineinwirkt?
Genau hier setzt der engagierte Buddhismus an: Innere Erkenntnis und äußeres Handeln gehören zusammen. Es genügt nicht, über Mitgefühl, Frieden und Achtsamkeit zu sprechen. Sie müssen sich darin zeigen, wie wir anderen Menschen begegnen und wie wir handeln.
Das kann auch bedeuten, dorthin zu gehen, wo es unbequem wird. Mit Menschen in Kontakt zu treten, deren Meinung wir nicht teilen. Streitgespräche über den richtigen Weg zu führen und abweichende Positionen auszuhalten, ohne den anderen deshalb zum Gegner zu erklären.
Auch die Zen-Tradition kennt Übungen, die unsere gewohnten Denkwege bewusst ins Leere laufen lassen. Berühmt ist etwa die Frage nach dem Klang einer einzelnen klaffenden Hand. Dabei geht es nicht darum, die richtige Antwort zu finden, denn in den meisten Fällen gibt es keine. Solche Kōans sollen vielmehr das gewohnte Denken irritieren und dazu zwingen, andere Wege der Erkenntnis zu suchen.
Vielleicht steckt darin bereits eine gute Übung in Gelassenheit: Nicht auf jede Frage muss sofort eine Antwort folgen.
Das macht seine Gedanken gerade für unseren Alltag interessant.
Wenn du wütend bist, solltest du nicht sofort reagieren. Wenn du Angst hast, musst du dich nicht von ihr beherrschen lassen. Und wenn dir ein Mensch mit einer völlig anderen Position gegenübersteht, musst du ihn nicht sofort zum Gegner erklären.
Mit ein wenig Geduld findet sich fast immer ein Punkt, an dem man sich begegnen kann – und sei er zunächst noch so banal.
Wenn mein „Streitpartner“ mir partout in keinem einzigen Punkt zustimmen will, stelle ich gerne folgende Frage in den Raum: „Darf ich als Gemeinsamkeit festhalten, dass wir uns nicht einig sind?“
Häufig stutzt mein Gesprächspartner jetzt einen kurzen Augenblick. Zuvor hatte er sich darauf festgelegt, mir aus Prinzip nicht zuzustimmen. Dieses Muster der generellen Ablehnung, ausgedrückt durch ein immer wiederkehrendes „Nein“, habe ich nun durchbrochen.
Sagt er aus Prinzip erneut „Nein“, kann ich genau an diesem Punkt weitermachen und fragen: „Worin besteht dann unsere weitere Übereinstimmung?“
Es geht ausschließlich darum, das Muster zu durchbrechen und den anderen zum Nachdenken zu bringen. Plötzlich muss er sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass zwischen uns doch Übereinstimmungen bestehen, und kann nicht mehr automatisch mit „Nein“ reagieren.
Denkt er einen Augenblick nach und beantwortet die ursprüngliche Frage mit „Ja“, bekomme ich darauf häufig ein Lächeln oder sogar ein Lachen. Und damit ist etwas Entscheidendes passiert: Die Fronten sind für einen Augenblick verschwunden. Wir können uns annähern. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Verständigung ist getan.
Konflikt- und Streitgespräche gehören zur hohen Kunst der Kommunikation. Mediation ist ohne kommunikative Kompetenz kaum denkbar, und auch Empathie allein hilft wenig, wenn wir nicht in der Lage sind, sie im Gespräch wirksam werden zu lassen. Aber wenn du schwierigen Gesprächen nicht ausweichst, und keine Angst vor ihnen hast, kannst du überraschend viel bewirken. Nicht obwohl du bereit bist, einen Streit auszuhalten, sondern manchmal gerade deshalb.
Zwischen einem äußeren Reiz und deiner Reaktion darauf gibt es einen kleinen Raum. Thích Nhất Hạnh zeigte sehr praktische Wege, diesen Raum zu nutzen: bewusst atmen, innehalten, aufmerksam zuhören und erst dann sprechen oder handeln.
Besonders wichtig war Thích Nhất Hạnh das tiefe Zuhören. Nicht zuhören, um möglichst schnell die passende Gegenrede vorzubereiten, sondern zunächst verstehen wollen, was der andere tatsächlich sagen möchte.
Achtsames Sprechen und mitfühlendes Zuhören wurden für ihn dadurch zu Werkzeugen, mit denen selbst festgefahrene Kommunikation wieder möglich werden kann.
Seine Übungen waren dabei erstaunlich unspektakulär.
- Achtsam gehen.
- Bewusst atmen.
- Beim Essen tatsächlich essen.
- Beim Geschirrspülen Geschirr spülen.
Einen Moment wahrnehmen, bevor bereits der nächste unsere Aufmerksamkeit fordert.
Vielleicht liegt gerade darin die Herausforderung seiner Philosophie:
Du musst nicht erst dein ganzes Leben verändern, um anders zu leben. Du kannst beim nächsten Atemzug anfangen.
Anlässlich seines 100. Geburtstags möchten wir deshalb im Oktober einen Menschen in den Mittelpunkt stellen, dessen Gedanken erstaunlich gut zu vielen unserer Themen und Blogbeiträgen passen: zu Gelassenheit, Angst, Selbstbeherrschung, Kommunikation und der Frage, wie viel Einfluss wir anderen Menschen geben, um unsere Reaktionen zu lenken.
In unserem neuen Charakterkopf über Thích Nhất Hạnh schauen wir uns sein ungewöhnliches Leben, seine Philosophie und vor allem einige seiner praktischen Ratschläge genauer an.
Du musst kein Buddhist werden. Es genügt schon, beim nächsten schwierigen Gespräch einmal bewusst zu atmen, bevor du antwortest.