Niemand kann mich verletzen ohne meine Erlaubnis.
Dieser Satz wird Mahatma Gandhi zugeschrieben. Und auf den ersten Blick klingt er fast ein wenig zu einfach.
Denn natürlich können Worte verletzen. Ein unbedachter Satz. Eine ungerechte Kritik. Eine spitze Bemerkung. Ein persönlicher Angriff. Manchmal reicht ein einziges Wort und du spürst, wie der Ärger in dir aufsteigt. Du fühlst dich getroffen, missverstanden oder herabgesetzt – und reagierst.
Doch zwischen dem, was jemand sagt, dem, was du hörst, und dem, was du verstanden hast, kann ein gewaltiger Unterschied liegen.
Und genau dieser Unterschied ist gefährlich.
Denn wenn deine Reaktion auf einer falschen Interpretation des Gesagten beruht, kann eine vollkommen harmlose Situation innerhalb weniger Sekunden eskalieren. Reagierst du aggressiv auf eine freundlich gemeinte Bemerkung, bleibt dir manchmal nur noch die Notbremse: Missverständnis erkennen, zurückrudern, entschuldigen.
Du entscheidest, welche Bedeutung du dem Gesagten gibst.
Und du entscheidest vor allem, wie du darauf reagierst.
Wenn du dich auf einen Machtkampf um Positionen, Worte oder Überzeugungen einlässt, wirst du nicht jeden Kampf gewinnen. Sicher ist nur eines: Nach einer Schlammschlacht sind meistens beide Seiten schmutzig.
Besonders bitter wird es, wenn du anschließend feststellst, dass dein vermeintlicher Gegner überhaupt keiner war. Vielleicht hast du gerade gegen einen Freund, einen Kollegen oder deinen Partner gekämpft, weil du seine Worte anders verstanden hast, als sie gemeint waren.
Das bedeutet nicht, dass du respektloses Verhalten hinnehmen musst. Und selbstverständlich musst du einen tatsächlichen persönlichen Angriff nicht einfach akzeptieren.
Aber du musst dem anderen auch nicht automatisch die Macht über deine Gefühle und deine Reaktion überlassen.
Denn was passiert, wenn du zu scharf reagierst?
Du offenbarst, dass dein Gegenüber einen Treffer gelandet hat. Du lässt dich provozieren. Du wirst vielleicht laut, persönlich oder ungerecht. Und mit etwas Pech sagst du Dinge, die du fünf Minuten später gerne wieder einsammeln würdest.
Vor allem aber geschieht etwas Entscheidendes:
Der andere bestimmt plötzlich dein Verhalten.
Er wirft dir einen Satz hin – und du springst.
Das ist weder in einer Verhandlung besonders geschickt noch für deinen eigenen Seelenfrieden sonderlich hilfreich.
Aber was passiert auf der anderen Seite, wenn du zu schwach reagierst?
Wenn du alles hinnimmst?
Wenn du schweigst, obwohl eine Grenze überschritten wurde?
Wenn du einem persönlichen Angriff nichts entgegensetzt, obwohl du sehr genau weißt, dass du ihn nicht akzeptieren möchtest?
Dann überlässt du deinem Gegenüber möglicherweise ebenfalls die Führung. Nur auf eine andere Art.
Zwischen blindem Zurückschlagen und widerstandslosem Hinnehmen liegt deshalb ein ziemlich großer Raum.
Und genau dort wird es interessant.
Denn Gelassenheit ist nicht dasselbe wie Schwäche.
Nicht sofort zu reagieren bedeutet nicht, dass du keine Antwort hast. Manchmal bedeutet es lediglich, dass du selbst entscheidest, wann und wie du antwortest.
Vielleicht stellst du dir bei der nächsten Bemerkung, die dich verletzt, für einen kurzen Moment zwei Fragen:
Was passiert, wenn ich jetzt zu scharf reagiere?
Und:
Was passiert, wenn ich jetzt zu schwach reagiere?
Mehr möchte ich dir für diese Woche eigentlich gar nicht mitgeben.
Denn wenn du zu scharf reagierst, kannst du deine Autorität verlieren. Vielleicht wirkst du plötzlich wie ein cholerischer Miesepeter, der sich von jeder Bemerkung provozieren lässt. Und was einmal gesagt wurde, lässt sich nur schwer wieder einfangen.
Aber was bedeutet eigentlich „zu schwach“? Und vor allem: In wessen Augen bist du dann zu schwach?
Wenn du zunächst gelassen bleibst, hast du deine Position noch nicht aufgegeben. Du kannst sie jederzeit und ohne Gesichtsverlust verändern. Du kannst deutlicher werden. Du kannst eine Grenze ziehen. Du kannst widersprechen. Du kannst das Gespräch beenden.
Andersherum ist das wesentlich schwieriger.
Vielleicht ist deshalb ein gelassenes Lächeln manchmal die stärkere Reaktion. Nicht, weil du nichts zu sagen hättest, sondern weil dein „Gegner“ in diesem Moment nicht weiß, ob und wie du reagieren wirst.
Du behältst deine Möglichkeiten.
Welche Reaktion zwischen diesen beiden Extremen für dich die richtige ist, solltest du dir selbst erarbeiten und dann entscheiden.
Vielleicht liegt genau darin die Freiheit, von der Gandhi gesprochen hat:
Du kannst nicht immer entscheiden, was andere zu dir sagen.
Aber du kannst entscheiden, wie viel Macht du ihrer Aussage über deine Reaktion gibst.