Die Jugend von heute – und du von gestern?
Vielleicht kennst du die Geschichte von der uralten babylonischen Tontafel, auf der angeblich schon darüber geklagt wird, die Jugend sei faul, verdorben und werde niemals die Leistungen ihrer Eltern bewahren können.
Die Geschichte klingt wunderbar. Sie hat nur einen Haken: Einen belastbaren Beleg für genau diese Tontafel gibt es nicht. Und auch ein berühmter Ausspruch, der Sokrates zugeschrieben wird und in dem sich dieser über Luxus, schlechte Manieren und mangelnden Respekt der Jugend beklagt, stammt in dieser Form nicht von Sokrates.
Der Grundgedanke dahinter stimmt trotzdem.
Klagen über die jeweils nachfolgende Generation lassen sich tatsächlich über viele Jahrhunderte zurückverfolgen. Schon antike Autoren betrachteten Eigenschaften und Verhalten junger Menschen kritisch, und moderne Untersuchungen zeigen, wie erstaunlich beständig dieses Muster geblieben ist.
Vielleicht solltest du deshalb ein wenig vorsichtig werden, sobald dir der Satz „Die Jugend von heute …“ über die Lippen kommen möchte. Denn möglicherweise sagt er mindestens genauso viel über dich aus wie über die Jugend.
Erinnerst du dich noch an deine eigene Jugend?
Wenn du heute mit Wehmut an sie zurückdenkst, verrätst du zunächst etwas Schönes über dein Leben: Offenbar gab es Zeiten, Menschen und Erlebnisse, an die du dich gerne erinnerst. Wäre deine Jugend ausschließlich schrecklich gewesen, müsstest du froh sein, dass sie vorbei ist.
Und keine Sorge: Nach allem, was wir über den normalen Verlauf des Lebens wissen, besteht nur eine äußerst geringe Gefahr, dass du sie noch einmal durchleben musst.
Doch Nostalgie besitzt eine kleine Falle.
Sie kann dich dazu verführen, deine Vergangenheit zu verklären und die Gegenwart daran zu messen. Plötzlich war deine Generation fleißiger, höflicher, vernünftiger, belastbarer und respektvoller.
War sie das wirklich?
Oder erinnerst du dich heute einfach etwas freundlicher an den Menschen, der du damals gewesen bist?
Erfahrung ist wertvoll. Aber sie ist keine Gebrauchsanweisung.
Wenn du älter geworden bist, besitzt du etwas, das ein junger Mensch zwangsläufig noch nicht besitzen kann: Erfahrung.
Du hast Entscheidungen getroffen. Du hast Fehler gemacht. Du hast gewonnen und verloren. Du hast Menschen kennengelernt und andere verloren. Du weißt inzwischen, dass manche Katastrophe, die mit zwanzig wie das Ende der Welt aussieht, einige Jahrzehnte später nur noch eine Geschichte ist, die du beim Abendessen erzählst.
Dieses Wissen ist wertvoll. Und du solltest es weitergeben.
Aber deine Erfahrung wird nicht wertvoller, wenn du aus ihr Vorschriften machst.
Deine Kinder und Enkel leben nicht in der Welt deiner Jugend. Sie wachsen mit anderen Technologien auf, erleben andere gesellschaftliche Veränderungen und werden Antworten auf Fragen finden müssen, die sich dir in dieser Form niemals gestellt haben.
Deshalb besteht deine Aufgabe nicht darin, ihnen deine Lösungen zu vererben. Deine Aufgabe besteht darin, ihnen dabei zu helfen, ihre eigenen zu finden.
Hör ihnen zu. Frag nach.
Widersprich ihnen, wenn du anderer Meinung bist.
Diskutiere leidenschaftlich mit ihnen.
Erzähle ihnen, wo du selbst gescheitert bist und was du daraus gelernt hast.
Aber lege das Ergebnis der Diskussion nicht schon fest, bevor sie begonnen hat.
Und erlaube dir etwas, das mit zunehmender Lebenserfahrung erstaunlich schwierig werden kann:
Lass die Möglichkeit zu, dass du dich irrst.
Genau darin liegt echter Austausch zwischen den Generationen. Genau darum geht es auch beim Internationalen Tag der Jugend: junge Menschen nicht nur zum Gegenstand gesellschaftlicher Debatten zu machen, sondern ihre Perspektiven ernst zu nehmen und sie an der Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen. Dein ursprünglicher Gedankenfunke setzt genau bei diesem Austausch und dem aktiven Zuhören an.
Und wenn du selbst zur Jugend gehörst?
Dann gilt das Gleiche auch für dich.
Nur in die andere Richtung.
Du musst die Erfahrungen älterer Menschen nicht ungeprüft übernehmen. Aber du solltest sie auch nicht deshalb verwerfen, weil sie aus einer anderen Zeit stammen.
Du kannst aus Fehlern lernen, die du nicht mehr selbst machen musst.
Du kannst fragen, warum jemand zu einer bestimmten Überzeugung gekommen ist.
Und du kannst zuhören, ohne anschließend derselben Meinung sein zu müssen.
Denn Austausch zwischen Generationen funktioniert nicht, wenn nur eine Seite zuhören soll.
Welche Rolle hast du heute?
Vielleicht bist du längst nicht mehr jung und fragst dich gelegentlich, welche Aufgabe eigentlich noch auf dich wartet.
Dann unterschätze dich nicht.
Bedeutung besitzt kein Verfallsdatum.
Du kannst etwas für deine Familie tun, für Freunde und Nachbarn, für deine Gemeinde, deinen Verein, dein Unternehmen oder die Gesellschaft. Du kannst Wissen weitergeben, Menschen ermutigen, Erfahrungen teilen – und manchmal einfach jemandem zuhören, der gerade erst beginnt, seine eigenen Erfahrungen zu sammeln.
Älterwerden muss deshalb kein langsamer Rückzug aus dem Leben sein.
Es kann eine neue Position darin bedeuten.
Nicht mehr unbedingt vorneweg.
Manchmal daneben.
Und gelegentlich sogar einen Schritt dahinter, damit ein anderer seinen eigenen Weg gehen kann.
Schau einmal von weiter weg
Kennst du das berühmte Bild der Erde, die über dem Horizont des Mondes aufgeht?
Betrachte es einen Moment.
Aus dieser Entfernung verschwinden erstaunlich viele Dinge, über die Menschen sich mit großer Leidenschaft streiten. Du erkennst keine Generationen. Keine Grundstücksgrenzen. Keine politischen Lager. Und schon gar nicht, wer gerade zweifelsfrei recht hat.
Du siehst nur diesen einen kleinen Planeten.
Vielleicht ist genau diese Demut die richtige Haltung, wenn du mit einem anderen Menschen über die Zukunft sprichst.
Wenn du älter bist, darfst du erzählen, was du gelernt hast. Du darfst warnen, widersprechen und deine Erfahrungen weitergeben.
Wenn du jünger bist, darfst du neue Antworten suchen, Gewohntes infrage stellen und Dinge anders machen.
Aber ganz gleich, auf welcher Seite des Altersunterschieds du gerade stehst:
Hör zu.
Denn keine Generation besitzt die Zukunft allein.
Und vielleicht ist das schönste Geschenk, das eine Generation der ajderenten machen kann, deshalb nicht die fertige Antwort.