Die Freiheit, das Leben zu genießen
„Das Leben muss wie ein kostbarer Wein mit gehörigen Unterbrechungen Schluck für Schluck genossen werden.“
Ludwig Feuerbach wäre am 28. Juli 222 Jahre alt geworden. Sein Satz über den kostbaren Wein klingt zunächst leicht und heiter. Doch er enthält einen ernsten Gedanken: Ein gutes Leben besteht nicht darin, jeden Reiz zu steigern. Es entsteht dort, wo wir wahrnehmen, was uns nährt – ein Gespräch, eine Berührung, gemeinsames Lachen, ein Essen, Musik oder ein stiller Moment.
Gerade nach dem islamistischen Anschlag im Umfeld des Berliner Christopher Street Day bekommt dieser Gedanke eine schmerzhafte Aktualität. Menschen kamen zusammen, um sichtbar, frei und fröhlich zu sein. Ein solcher Angriff richtet sich deshalb nicht nur gegen einzelne Menschen. Er richtet sich gegen die Freiheit, das eigene Leben und die eigene Liebe selbst zu bestimmen.
Islamismus ist nicht mit dem Islam gleichzusetzen. Er ist eine extremistische Ideologie, die Religion zur Begründung von Herrschaft, Ausgrenzung und Gewalt benutzt. Wo sie das Leben in „erlaubt“ und „verboten“, in Gläubige und Feinde zerlegt, wird Freude verdächtig. Tanzen, Lieben, Feiern und Anderssein werden bekämpft, weil freie Menschen sich nicht vollständig kontrollieren lassen.
Feuerbach holte das Glück aus einem versprochenen Jenseits zurück in das wirkliche Leben. Der Mensch soll sein Dasein nicht verachten und sein Glück nicht auf später verschieben. Er soll hier menschlich leben: mit Sinnen, Nähe, Vernunft und Mitgefühl. Genuss bedeutet dabei nicht Maßlosigkeit. Gerade die „gehörigen Unterbrechungen“ machen aus Konsum einen bewussten Augenblick.
Wer jeden Tag einen außergewöhnlichen Reiz wiederholt, erlebt bald nur noch Gewöhnung. Ein kostbarer Wein bleibt besonders, weil wir ihn nicht gedankenlos hinunterstürzen. Ähnlich verhält es sich mit der Freude: Sie wächst nicht automatisch mit Tempo, Besitz oder Lautstärke. Sie braucht Aufmerksamkeit – und oft andere Menschen.
Ein glückliches Leben zeigt sich deshalb meist in unspektakulären Dingen: in tragfähigen Beziehungen, in Zugehörigkeit, Anerkennung, Neugier und der Fähigkeit, an Fehlern nicht zu zerbrechen. Arbeit darf fordern. Feiern darf ausgelassen sein. Liebe darf tief gehen. Entscheidend ist, dass wir in jedem dieser Augenblicke wirklich gegenwärtig sind.
Die Antwort auf Fanatismus ist nicht Freudlosigkeit. Sie ist eine offene Gesellschaft, die trauert, schützt und zugleich das Leben verteidigt. Wer Menschen wegen ihrer Liebe angreift, soll nicht bestimmen, wie wir leben. Wir dürfen den Toten und Verletzten unsere Anteilnahme zeigen – und den Lebenden den Raum bewahren, sichtbar und frei zu sein.Arbeite, wenn du arbeitest. Feiere, wenn du feierst. Und wenn du liebst, dann liebe so tief und frei, wie du kannst.