Mit Sokrates erhält die Reihe der Charakterköpfe Zuwachs. Der griechische Philosoph gehört zu den prägendsten Denkern der europäischen Geistesgeschichte – und das, obwohl er selbst keine Schriften hinterlassen hat.
Was wir über Sokrates wissen, verdanken wir vor allem den Überlieferungen seiner Schüler und Zeitgenossen. Im Mittelpunkt steht dabei weniger ein abgeschlossenes philosophisches Lehrgebäude als vielmehr eine besondere Art des Denkens: Sokrates fragte nach. Er stellte vermeintliche Gewissheiten infrage, suchte nach der Bedeutung von Begriffen und führte seine Gesprächspartner immer wieder an den Punkt, an dem aus einer schnellen Antwort eine neue Frage wurde.
Gerade deshalb passt Sokrates in besonderer Weise zu den Charakterköpfen. Denn ein Charakterkopf steht nicht allein für eine historische Persönlichkeit. Er lädt dazu ein, sich mit einer Haltung, einer Idee und einer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen.
Sokrates verkörpert die Bereitschaft, das eigene Wissen kritisch zu prüfen. Der berühmte Gedanke, sich des eigenen Nichtwissens bewusst zu sein, ist dabei keine Kapitulation vor dem Unbekannten. Im Gegenteil: Er macht Neugier und Erkenntnis überhaupt erst möglich.
Seine Art zu fragen brachte Sokrates allerdings nicht nur Bewunderung ein. Im Athen des Jahres 399 v. Chr. wurde er angeklagt, die Jugend zu verderben und die Götter der Stadt nicht anzuerkennen. Er wurde zum Tode verurteilt. Obwohl er die Möglichkeit zur Flucht gehabt haben soll, nahm er das Urteil an und starb durch den Schierlingsbecher.
Damit ist Sokrates weit mehr als eine Figur aus einem Philosophiegeschichtsbuch. Seine Fragen sind bis heute aktuell: Was wissen wir wirklich? Worauf gründen wir unsere Überzeugungen? Sind wir bereit, unsere eigene Sichtweise zu hinterfragen?
Als neuer Charakterkopf erinnert Sokrates daran, dass Bildung nicht darin besteht, auf alles eine Antwort zu haben. Manchmal beginnt sie mit einer guten Frage.